Radiokult

Vintage red radio receiver on wood table. Wallpaper 3d

Wann immer ich in England die Familie besuche, stelle ich fest, dass dort zu Hause permanent das Radio läuft. Ich habe den Eindruck, die Briten sind besessen vom Radiohören. Aber ist da wirklich was dran? Drei Thesen zum deutschen und englischen Radiokonsum.

These 1: Die Briten hören mehr Radio als die Deutschen.

Stimmt nicht. Die Zahlen verblüfften mich. Wie man auf der Webseite der Radiozentrale verfolgen kann, hören seit Jahren konstant gut drei Viertel aller Deutschen im Alter über 10 Jahre täglich Radio, und zwar im Durchschnitt 189 Minuten pro Kopf.

Die entsprechenden von der britischen RAJAR erhobenen Daten sind zwar nicht direkt vergleichbar, da hier nach Radiohören pro Woche gefragt wird (90 % der über 15-Jährigen). Die durchschnittliche Hördauer beträgt jedoch derzeit in UK rund 21 Stunden pro Woche, liegt also mit etwa 3 Stunden täglich sogar knapp unter dem deutschen Durchschnitt.

These 2: Das britische Radioprogramm ist abwechslungsreicher als das deutsche.

Nun, hierzu gibt es selbstredend keine belastbaren Daten. Schaltet man jedoch die großen regionalen Sender wie SWR 3 und WDR 2 ein, so drängt sich der Eindruck auf, dass die deutsche Radiolandschaft sich nicht gerade durch Abwechslung auszeichnet. Gespielt wird, so scheint es, jeden Morgen dasselbe Musikprogramm: gefühlt vier oder fünf Hits aus den Charts, die sich nachgerade stündlich wiederholen, und ansonsten nur The Pet Shop Boys und Dido.

Einst war ich großer Jazzradio-Berlin-Fan. Während ich beim Einzug meine Altbauwohnung in Tiergarten strich, divertierte mich der Sender den ganzen Tag. Ich war begeistert von einem wilden Ritt durch Stile und Epochen. Doch selbst Jazzradio Berlin spielt mittlerweile vorwiegend Hammond-Orgel-Easy-Listening.

Nach einer bisher vergeblichen Suche nach einem Sender, der gute Musik mit interessanten Wortbeiträgen abwechselt und ansprechend präsentiert, habe ich also resigniert und höre hauptsächlich Radio aus England. Hier gibt es mehr Auswahl. BBC Radio 2 wartet zum Beispiel mit einer nette solchen Mischung auf. BBC Radio 4 bietet kaum Musik, dafür aber niveauvolle Comedy-Sendungen (The Now Show), ein Radio-Äquivalent von FrauTV (Woman’s Hour) und Talksendungen mit verschiedensten Facetten (Desert Island Discs). Überdies werden viele BBC-Radiosendungen von bekannten Fernsehmoderatoren präsentiert. Man hat das Gefühl, die Radiolandschaft ist lebendiger als hier in Deutschland.

Die Frage ist, geben sich die Deutschen mangels Alternativen mit einem Mainstream-Berieselungsprogramm zufrieden oder hören sie so viel Radio, weil ihnen das Angebot tatsächlich gefällt?

Den Versuch einer Antwort liefert Ulrich Stock auf ZEIT ONLINE mit einem auch heute noch aktuell wirkenden Artikel aus dem Jahr 2007, der passend Rettet das Radio heißt. Dort wird man auch mit neuen Ideen gefüttert, wo’s noch Gutes zu Hören gibt.

These 3: Radio-Hörspiele sind im Vereinigten Königreich beliebter als hierzulande.

Über Anteil und Beliebtheit von Radiospielen konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen. Mir scheint, dass sie im öffentlich-rechtlichen britischen Radioprogramm einen hohen Stellenwert haben. Die Hörspielserie The Archers beispielsweise läuft auf BBC Radio 4 seit 1950, mit aktuell unglaublichen mehr als 17.500 Folgen. In Deutschland hingegen findet man Radiospiele kaum.

Radio 4 ist übrigens für ein weiteres Phänomen bekannt: den Seewetterbericht (The Shipping Forecast). Dieser hat durch die repetitive Aneinanderreihung von Orten, die viele Hörer als meditativ bezeichnen, absoluten Kultstatus inne und ist aus der britischen Radiolandschaft nicht wegzudenken. (Mehr dazu auf Wikipedia.)

Nächste Woche sehen wir uns ein kleines Wörtchen näher an.

Der Pommes-Buddha sagt: Die Radiologie ist eine oft unterschätzte Wissenschaft.

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You can say ‘you’ to me

question sprechen sie deutsch? do you speak german?

When my English husband first learned German, he told me time and again of his dilemma to choose between the formal Sie and the informal du when addressing someone. To his great disappointment, I was unable to offer him a clear-cut set of rules. Let’s look at some examples and try to find out more …

In Germany, the default, I think is fair to say, is siezen while using Herr/Frau and the person’s last name. Children and youngsters should address most people older than themselves using Sie. As an adult, you use Sie with most other adults, unless you know them better or if you are among a group of people which make a point of being laid-back, such as TV producers, PR managers and almost everyone in Cologne, or comradely, such as metal workers’ unionists. It may suffice simply being in the same place as those people, for example at a hip bar, Brauhaus, trendy shop etc.

If you do your grocery shopping at a large supermarket, even in Cologne, you would normally siezen the person at the till, and he would siezen you back, unless you are a minor.

Let’s look at some examples of the most common usage of formal and informal address in British English and German. (Note that there are, of course, regional, local and even individual varieties.)

Person British English German
Boss You + first name Sie (Herr/Frau + last name) / in some cases: Du (first name)
Colleague You + first name Sie (Herr/Frau + last name) / Du (first name)
Judge in court You + My Lord / My Lady Sie (Herr/Frau Vorsitzende(r))
Shop assistant You (+ first name if known) Sie (Varies according to region and trendiness of venue!)
Waiter/waitress You (+ first name if known) Sie (Varies according to region and trendiness of venue!)
A friend’s parents whom you meet for the first time You + Mr/Mrs + last name Sie (Herr/Frau + last name)
School teacher addressing you (age 16+) You + first name Sie (to be agreed between teacher and students: either ‘first name’ or ‘Herr/Frau + last name’)

 

Dear Germans, may I please point out that the fact that English businesspeople are on first-name terms with each other does not mean that you would automatically duzen them in German.

What the German Sie and the English you have in common is that they have no grammatically correct plural form. If you wish to formally address several people in German, you have to say something along the lines of Sie alle. Speakers of the English language in some regions of the world have come up with colloquial varieties of you to mark the plural, such as y’all (regional US American), youse (Ireland, Australia), you guys (originally US American but now widely used elsewhere too).

When one is on Sie terms with a German, as a rule, the older person would normally offer to change over to the informal address at some point. This may be accompanied by some type of ritual. It used to be common to go through the motions of Bruderschafttrinken, consisting of the following steps:

  1. Linking arms with, while sitting opposite, each other and taking a sip from your own glass;
  2. Kissing (yes, smack on the lips!);
  3. ‘Introducing’ yourself formally by your first name.

These days, this custom is pretty out-dated, at least in standard situations. The normal thing would be for the person offering the changeover to say something like, ‘Wir können ruhig ‘du’ sagen,’ and then to introduce herself again, even if you know her first name already, and even if she knows you know it. She may say, ‘Ich bin (die) / Ich heiße + first name’ or simply say just her first name.

There is an intermediate step between formal and informal in German, but it is not very widely used, i.e. using Sie in combination with a person’s first name. I’m sure the Knigge has rules for this.

If in doubt, use the formal address and let the other person initiate any changeovers. If nothing else, Sie is way easier to use, as the 3rd-person plural verb is identical with the infinitive, e.g. gehen: ‘Gehen Sie schon?’

Read more on this topic here.

Next week we’ll indulge in some easy listening.

The Pommes Buddha says: One for du and one for Sie.

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Glücksrad

Fahrradweg

England ist das Land der … Was fällt einem da spontan ein? Dichter und Denker? Sicherlich. Romantischen Gärten? Durchaus. Radfahrer? Ganz bestimmt nicht. Doch neulich traute ich meinen Augen kaum, sah ich auf der Insel doch einen Menschen sich auf einer Landstraße auf einem Fahrrad fortbewegen. Ein Zufall?

Rührend war, dass dieser Mensch genau so aussah, wie mein englischer Ehemann deutsche Trekking-Urlauber beschreibt: heillos überausgerüstet. Man hatte jedenfalls den Eindruck, dass hier der Drahtesel nicht zweckmäßig als Fortbewegungsmittel eingesetzt, sondern vielmehr als Sportgerät genutzt wurde.

Das Fahrrad als Vehikel wird jedoch auch in England beliebter. Der Londoner Oberbürgermeister Boris Johnson, der sich in seiner Heimat selbst immer wieder gern als passionierter Radler inszeniert, eröffnete Ende 2015 die erste britische Radfahrer-Autobahn.

Ah, die Autobahn – Schauplatz so manchen Emotionskontrollverlusts! Im Englischen gibt’s den wunderbaren Ausdruck road rage (Lehnwortalarm!). Wer wie ich jüngst das Buch The Chimp Paradox von Steve Peters gelesen hat, wird aus Kräften versuchen, es nicht persönlich zu nehmen, wenn ein Bergheimer BMW mal wieder den Fahrradweg mit der Rechtsabbiegespur verwechselt … Oooommmmm! (Peters sagt auch, man soll nicht in Stereotypen denken.)

Aber road rage funktioniert natürlich auch umgekehrt (Diese rücksichtslosen Radfahrer!) oder gar innerhalb der eigenen Sippe. Ich fahre am liebsten hinter verantwortungsbewussten Radfahrern, zu erkennen an Helm und Warnweste, und denen, die nichts dem Zufall überlassen, zu erkennen an dem zusätzlichen Regenschutz auf dem Fahrradhelm. Da sind keine unvorhergesehenen Bewegungen zu erwarten.

Zum Bürgerkrieg unter Radfahrern gibt es ein Schmankerl aus dem coolen New York. Obgleich diese Stadt für Radfahrer wieder ganz anders tickt, passen die Kategorien unterschiedlicher Radler-Archetypen, die der Bike Snob in diesem sehr unterhaltsamen Artikel umreißt, meiner Meinung nach wunderbar auf die meisten Großstädte dieser Welt.

Übrigens, ein super Fahrrad-Reparaturladen in Köln ist Portz am Ring. Freundliche Mitarbeiter, faire Preise, super Service, zentrale Lage.

Und nächste Woche kommen wir den Siezern auf die Spur.

Der Pommes-Buddha sagt: Ein Rad kommt selten allein.

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Magnum in distress

Microphone And Singer

As most of you know, in Germany films are dubbed (see “An mein Ohr kommt nur Wasser und O-Ton”). So on TV and in most cinemas, Daniel Craig and Jennifer Lawrence speak German while their lips form English words. But of course, this being Germany, voice-overs are not services purchased randomly for each film project. No, there is method in this madness. Read on and see for yourself what this entails and why Herr Lehmann is not just a good book.

Each popular American and English actress has her very own German voice, i.e. she is usually dubbed by one and the same voice-over artist in whatever film or series she stars. Voice-over artists may have several actors, but each actor generally has one voice-over artist and thus a recognisable German voice.

Consequently, Germans, unless they are either proper cinema aficionados or interpreters and watch every film in its original version, would never recognise, say, Sean Connery by his real voice.

On the other hand, who’d expect that the unsuspicious-sounding name Manfred Lehmann belongs to the German voice of not only Bruce Willis but also Dolph Lundgren, Gérard Depardieu and Kurt Russell, among others?

As for animated films, the UK, in its own productions, and Germany both make it a crucial part of a film’s PR to use famous actresses and actors for voice-over. For example, the little snowman Olaf in Frozen is spoken by German ‘household-name’ comedian Hape Kerkeling. And UK-produced films such as Arthur Christmas or Flushed Away feature celebs such as Hugh Laurie, James McAvoy, Hugh Jackman and Kate Winslet.

Sometimes, well-known voices can play tricks on you. Do you remember the American TV series Magnum, P.I.? A friend of mine knows a guy who works as a handyman for a film production company. One day, that guy comes home to find an answerphone message by Tom Selleck’s German voice saying, “Hey, Andreas, I have some computer trouble. Could you please give me a ring”? How cool must this Andreas be if Magnum calls him for help!

So voices can definitely leave quite an impression. As an interpreter, I’m very aware of that. Try my podcast to see if you like this text being read to you.

And now get in gear for next week’s road trip.

The Pommes Buddha says: The name is Bond. James Bond.

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Kneipentour

Glass of dark beer with candle in pub setting

Habt Ihr schon einmal bemerkt, dass, wo immer man sich in der Welt bewegt, Kneipen immer ein scheinbar vom Rest des öffentlichen Lebens getrennt funktionierender Kosmos sind? Auch wenn man durchschaut, wie die meisten anderen Gesellschaftsbereiche eines Landes funktionieren, wird man doch oft von den ungeschriebenen Gesetzen beispielsweise eines Pubs überrascht. Wie bestellt man also ein Bier in England?

Im Vereinigten Königreich gibt es in Kneipen, genannt pubs (kurz für public house), keine Bedienung an den Tischen. Man geht an die Theke und bestellt. Meist gibt es eine Auswahl mehrerer Biere vom Fass (draught / on tap) sowie ein bis zwei Sorten cider (Apfelwein). Manche Biere (oft die sogenannten ales) werden bei Raumtemperatur getrunken. Alles vom Fass gibt es als pint (knapp 500 mL) oder als half (pint). Ein Bier mit Limonade (in Deutschland je nach Region „Radler“ oder „Alster“) heißt shandy. Man bezahlt gleich an der Theke und setzt sich dann an einen freien Tisch.

In Deutschland kann man in der Regel annehmen, dass in allen Gastwirtschaften, also Restaurants und Kneipen, am Tisch bedient wird. Das Angebot der Biersorten unterscheidet sich regional und reicht von Weißbier bzw. Weizenbier über Pils bis hin zu Kölsch (Köln) und Alt (Düsseldorf), wobei jedes Bier in einem anderen Glas und in anderer Menge serviert wird. Das Kölsch wird in sogenannten Stangen (200 mL) ausgeschenkt. In Brauhäusern ist es Usus, dass ein leeres Glas automatisch durch ein volles ersetzt wird. Will man kein weiteres Kölsch, so legt man seinen Bierdeckel auf das Glas.

Im britischen Pub ist es üblich, so man in einer überschaubaren Gruppe unterwegs ist, dass reihum jeweils einer eine Runde holt. Scheint dies logistisch unpraktisch oder zu teuer, weil es zu viele Gruppenmitglieder sind, so wird oft vorgeschlagen: „Shall we go Dutch?“, das heißt, jeder holt und zahlt sein eigenes Getränk.

An Karneval, wenn die Kölner Kneipen so voll sind, dass Tischbedienung nicht mehr möglich ist, wird das englische System übernommen. Man zahlt an der Theke und holt normalerweise gleich eine ganze Runde. Dazu kann man beispielsweise einen Kranz (siehe Kölsch-Knigge auf der Webseite der StäV) oder einen Meter Kölsch bestellen. (Mehr zur kölnischen Kultur auf www.koeln-lese.de.)

Wenn man im Pub Essen bestellt, tut man dies ebenfalls an der Theke, bezahlt es dort und erhält dann meist einen Gegenstand mit einer Nummer darauf. Das Essen wird an den Tisch gebracht, wobei die Bedienung den richtigen Tisch anhand dieser Nummer identifiziert.

Übrigens, ein kleiner Exkurs ans andere Ende der Welt: In Australien steht auf Pubs oft Hotel. Auf Hotels steht aber auch Hotel. Also Vorsicht: Nicht jedes hotel hat auch tatsächlich Zimmer zu vermieten. „Eine Runde spendieren“ oder „einen ausgeben“ heißt im australischen Englisch (und nur dort!) to shout. Man hört dort also oft „My shout!“ oder „Can I shout you a drink?“

Für die Nachlese zur englischen Kultur empfehle ich auch an dieser Stelle gerne wieder Kate Fox’ Buch Watching the English. The Hidden Rules of English Behaviour. (Siehe Links.)

Das war’s mit unserer kleinen Kneipentour (Englisch: pub crawl). Weiter geht es nächste Woche mit Stimmen aus dem Off.

Der Pommes-Buddha sagt: Das letzte Kölsch war schlecht.

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Tatort: Großbritannien

detective story concept

Krimi-Serien erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit. Das Vereinigte Königreich wartet mit einem breiten Repertoire auf, das einem heterogenen und anspruchsvollen Publikum gerecht zu werden weiß. Neben der mit Liebe zum Detail inszenierten und großartig adaptierten Neuverfilmung der Sherlock-Holmes-Romane („Sherlock“), die seit 2012 über britische Fernsehbildschirme flimmert und längst auch in Deutschland Einzug erhalten hat, lohnt sich ein Blick an die englische Südküste.

Der Blick geht nach Broadchurch in Wessex. Broadchurch? Nie gehört? Na ja, so manchen englischen Ortsnamen hat selbst der Brite nie gehört. Doch bei Broadchurch handelt es sich in der Tat um einen fiktiven Ort. Und „Wessex“ klingt, analog zu „Essex“ und „Sussex“, vollkommen logisch nach einer Region in England – ist es aber nicht. „Erfunden“ hat Wessex der englische Schriftsteller Thomas Hardy. Nun wurde diese Grafschaft für das britische Fernsehen wiederbelebt.

Broadchurch ist der Name einer britischen TV-Serie, deren dritte Staffel derzeit in Arbeit ist. Die Geschichte beginnt wie so mancher klassische Kriminalfall mit einem Mord in einem kleinen Städtchen, in dem jeder jeden kennt und zahlreiche Verdächtigungen hin‑ und hergehen.

Zugegeben, man muss über so manche inhaltliche Schwäche hinwegsehen können – wer’s zu genau nimmt, wird die Stärken des Werks nicht genießen können. Gelingt es einem jedoch, sich auf die Geschichte einzulassen, so wird man mit fesselnder Spannung und fulminanten Twists belohnt.

Auffallend ist bei vielen neueren Serienproduktionen eine ungewöhnlich kreative Kameraarbeit. Allein durch Kameraführung, Detailaufnahmen, Zeitlupen etc. wird eine packende Atmosphäre geschaffen. Die Umgebung verkörpert gewissermaßen eine eigene Figur des Stücks.

Gegenüber dem Medium Spielfilm hat die Serie natürlich den großen Vorteil (der in zeitgenössischen Produktionen seit etwa einem Jahrzehnt als eines der wichtigsten dramaturgischen Mittel tatsächlich genutzt wird), dass die Figuren erheblich komplexer entwickelbar sind. Als legendär zu nennen ist in diesem Zusammenhang die US-amerikanische Serie Breaking Bad – kaum zu übertreffen an dramaturgischer Raffinesse und Figurentiefe. Wie neulich in einem Gespräch mit Familie und Freunden alle, die die Serie gesehen haben, einstimmig feststellten, gibt es, serienhistorisch aber auch schlicht im Rezipientenleben, eine Zeit vor Breaking Bad und eine Zeit nach Breaking Bad.

Ach, es gäbe so viel zu dieser Serie zu sagen. Breaking Bad ist überall. Genau wie die Deutschen. Aber dazu mehr nächste Woche.

Der Pommes-Buddha sagt: Ein Leben ohne Serien ist möglich, aber sinnlos.

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Arschquietschzeit

Red stadium seats

Arschquietschzeit

Manchmal entdeckt man in einer fremden Sprache ein Wort, das in der eigenen Sprache fehlt und das genau passend ist, für das, was man ausdrücken will. Geht das auch anderen Sprachnutzern so und bürgert sich dieses Wort dann in der eigenen Sprache ein, so nennt man dies ein „Lehnwort“. Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen für die Entlehnung des wunderbaren Ausdrucks squeaky bum time (wörtlich „Arschquietschzeit“). Aber welcher Arsch quietscht da und warum?

Laut der Webseite phrases.org.uk wurde dieser Ausdruck 2003 während der heißen Phase der britischen Premier League von Sir Alex Ferguson, damals Trainer von Man U, geprägt. Die rivalisierenden Fußballclubs Arsenal und Manchester United waren damals beide Kandidaten für den Ligasieg. „Fergie“ kreierte diesen Ausspruch, um die nervenaufreibende Stimmung zu beschreiben, bei der die Zuschauer mit ihren angespannt verschwitzten Hintern auf den Plastiksitzen hin‑ und herrutschen.

Ehrlich gesagt dachte ich bei dem Ausdruck im Zusammenhang mit der Erklärung, es handele sich um die spannende letzte Phase eines Wettkampfs, insbesondere wenn es ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt, zunächst an einen Hintern, der so in die Enge gequetscht ist, dass es beim Furzen quietscht. Nun, wie auch immer – die Worte lassen einprägsame Bilder entstehen. Und sie sind in England wirklich zum geflügelten Wort geworden, das rege Verwendung findet.

Auf Deutsch würde man in so einer Situation sagen „Jetzt geht’s um die Wurst“, „Jetzt gilt’s“ oder „Was für eine Zitterpartie!“. Aber keiner dieser Ausdrücke spiegelt eben genau alle Aspekte der Arschquietschzeit wider, geschweige denn das einprägsame Bild eines nervös schwitzenden Hinterns auf einer Stadionsitzschale.

Im Englischen gibt es allerhand deutsche Lehnwörter wie blitzkrieg, zeitgeist oder Weltschmerz (letzteres seltsamerweise auch im Englischen als einziges großgeschrieben). Man könnte sich jedoch noch so einige andere vorstellen – ohrwurm, hexenschuss, geisterfahrer, heimat, fremdschämen … (Mehr schöne deutsche Wörter findet Ihr übrigens auf http://deutschwortschatz.de/.) Und über eines von ihnen sprechen wir nächste Woche.

Der Pommes-Buddha sagt: So manches Wort passt wie Arsch auf Eimer.

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Gobbledegook

symbolic picture for gobbledygook

Learners of German have quite a cross to bear. Not only are they studying a language with complicated grammar and tons of irregularities and exceptions, but they are also incessantly told so by pitying native speakers of that language. Now here’s something new. Even German has a silver lining! Read on, and I’ll let you in on a big secret.

The secret is: even Germans don’t understand German – because it’s not necessary to understand it. German is all about smoke screens and mirrors. It sounds disarmingly professional and convincing. However, most of the time, people are not entirely sure what they’re talking about.

The best example of this are compound nouns. As Paul Sullivan illustrates in his text How to piss off a German (‘Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz’), these words can get quite long in German.

And legal German is even worse. Let’s take a real-life example. When, during my interpreting work for patent law firms that I frequently do, I first came across the expression ‘immaterialgüterrechtlicher Zweckübertragungsgrundsatz’, I had, quite frankly, no idea what that means, even in my own language. So what did I do? I asked someone who is in the know.

When my more senior colleague Obi Wan explained it to me, I realised that, to translate German into English, you must first dissect and analyse it. In this respect, English is much more precise. In English, this expression reads something like ‘the principle of special-purpose transfer under intellectual property law.’ Suddenly, all references are clear. It’s magic!

By implication, this means, my poor, suffering learners of German, that there’s light at the end of the tunnel. You can translate complex English concepts into German by simply condensing them into the longest-possible compounds. Easy-peasy! ‘Our jam contains large amounts of freshly-picked fruit’ will single-handedly become ‘Wir bieten pflückfrische Vollfruchtmarmelade’ (a tribute to Loriot).

English, however, is often underrated and misunderstood. Especially Germans seem to judge the quality of a German-English translation by the exact number of words that match and think if a text is intellectually comprehensible it does not dignify the Fachlichkeit of the original.

Here lies the major difference between the two cultures: academic or scientific texts in German are expected to impress by their complexity while in English they are supposed to be accessible to as vast a readership as possible. Encryption vs decryption.

For those interested in the dynamics of technical texts in English, I recommend Prof. Dirk Siepmann’s book Wissenschaftliche Texte auf Englisch schreiben (2012, Stuttgart, Klett) for further reading.

Next week, we’ll get squeaky.

The Pommes Buddha says: Your water pipes will love zerstörungsfreie Rohrleckortung.

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England gegen Deutschland

Travel destination and journey luggage concept, stack of suitcases in colors of national flags of european countries isolated on white background

Neulich fragte mich eine meiner treuen Leserinnen, ob ich eigentlich gerne in England wohnen würde, da ich doch immer nur Gutes über England und Schlechtes über Deutschland schriebe. Hm. Stimmt es wirklich, dass hier einem der beiden Länder Unrecht getan wird? Oder beiden? Was ist besser: England oder Deutschland?

Ohne hier nun eine Punktestatistik der bisherigen Blog-Einträge zu erarbeiten, will ich ihre Bemerkung würdigen und annehmen, dass dieser Eindruck auch bei anderen Leserinnen entstanden sein könnte.

Drei Erklärungen gäbe es vielleicht, sollte doch England oft besser weggekommen sein. Zunächst mein Empfinden, dass wir Deutschen uns nicht gerade durch große Bescheidenheit auszeichnen und wohl kein weiteres Bauchpinseln mehr nötig haben. Hier möchte ich mir jedoch gleich selbst widersprechen und sagen, dass dies eine sehr verallgemeinernde Ansicht ist, die nur aus marginalen Begegnungen im Ausland herrührt und sich eigentlich nicht einmal mit meinen Erfahrungen im persönlichen Umfeld deckt. (Sehr introspektiv, der heutige Text!)

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass sich unsere nationalen Identitäten (oder zumindest deren kleinster gemeinsamer Nenner) unterscheiden. Als Deutscher ist man es gewohnt, auf der Weltbühne wahrgenommen und respektiert zu werden. Mein Mann hingegen findet, als Engländer fristet man ein Underdog-Dasein. Man kommt von einer kleinen Insel, die niemand richtig ernst nimmt. – Ach, Schnuffi, so ist es gar nicht! Aber offenbar wird es von vielen Briten so empfunden.

Der zweite Grund könnte der Effekt der Kirschen des Nachbarn sein, die immer süßer erscheinen als die eigenen (auf Englisch „The grass is always greener (on the other side of the fence)“). Das, was man hat, schätzt man weniger als das, was Andere haben.

Der dritte Grund ist der, dass es im Kontext eines interkulturellen Blogs naheliegt, mit Klischees zu spielen und diese bisweilen überspitzt darzustellen, da darauf vertraut werden kann, dass die geneigten Leser schon wissen, wie sich das in Wirklichkeit verhält (bzw. hat ja jede ihre eigene Wirklichkeit). (Nein, nicht alle Deutschen sind pünktlich, ernst und größenwahnsinnig.)

In England oder Deutschland leben? Am Schönsten wäre es, wenn beides ginge. Aber am Zweitschönsten ist es, in einem schönen Land zu leben und dieses andere schöne Land so oft wie möglich besuchen zu können. Ein Eintauchen in beide Kulturen – das genieße ich als großes Privileg.

Natürlich wird die existenzielle Frage „England oder Deutschland?“ auf die Spitze getrieben, wann immer sich die beiden Länder in einer wichtigen internationalen Sportveranstaltung begegnen. Mein Mann versucht regelmäßig, unsere Kinder zu indoktrinieren, zu England zu halten. Finde ich okay, weil wir ja dafür immer gewinnen! Hi, hi!

Also: Im Rennen England gegen Deutschland gibt es nur Sieger! Damit ein wundervolles neues Jahr! Und nächste Woche geht’s nach den gesellschaftsphilosophischen Betrachtungen gleich weiter mit sprachphilosophischen.

Der Pommes-Buddha sagt: Dengland ist das schönste Land!

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Schöne Bescherung

Tannenbaum in stimmungsvoller Schneelandschaft

When days grow short and snowflakes fall (not!), many people like to snuggle up in cosy cotton and enjoy a cuppa. Others prefer to explore a different kind of Gemütlichkeit abroad. One of the big German winter tourism attractions are the Christmas markets, the most famous one being the Christkindlesmarkt in Nuremberg. But who or what is Christkindle and how do Germans celebrate Christmas? Let’s take a peek …

Historically, in Germany, 6th December (St Nicholas Day) was the day when Christmas presents were given. This tradition changed in the 16th century when the Protestant movement, turning away from the cult of the saints, focused on the Christkind (literally ‘child of the Christians’, i.e. Jesus) as the bearer of good tidings, and henceforth the Bescherung (handing out of presents) took place on 24th December. (See Wikipedia.)

Yes, we know Jesus was born on 25th December. But if you’ve lived in Germany for a while, you’ll know that Germans like to reinfeiern, meaning to start celebrating the night before an actual event and work up to a midnight climax when ditties are due and gifts are given.

And, as many things in Germany, celebration is serious business. The Bescherung must not take place before 5pm. (My English husband cringes in agony and disbelief at the idea of having to wait the entire day to open presents, especially as a child.) And we dress festively. And we don’t wear silly hats or use other paraphernalia such as Christmas crackers.

Dear Germans, be aware that, in England and many other countries, Christmas presents are given on the morning of the 25th December and unwrapped bum-style, i.e. in pyjamas. Most of these presents, the children are told, are deposited through the chimney by Santa, or Father Christmas.

The little ones traditionally leave a glass of milk and a mince pie on the side for Santa and a carrot for Rudolph (the red-nosed reindeer), as these two appreciate a small break and some refreshments on their tiresome journey. Miraculously, the milk will be drunk and the mince pie and carrot half-eaten in the morning!

These days in Germany, the question of whether presents are brought by Christkind or Weihnachtsmann is largely a matter of personal (or intra-familial) preference. My sister and I waited impatiently outside the living room door until we heard ‘the bell.’ Then my mum would say, Das Christkind war da, and explain that this angel-like creature had just flown back out of the window.

Today, my husband and I find it easier to hop on the Weihnachtsmann bandwagon, as this is also the prevailing notion at nursery school and in our children’s friends’ families.

No matter how you celebrate, dear readers, have a very merry Christmas!

Next week, witness the ultimate end-of-year showdown: England vs. Germany!

The Pommes Buddha says: You’d better watch out! You’d better not cry!

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