Eierlauf

0106 Rugby

Ein Haufen bulliger Typen, die sich übereinander schmeißen? Als mich ein guter Freund 2006 in Australien besuchte und sagte, sein größter Wunsch sei, sich ein Rugbyspiel anzuschauen, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. Seine Erläuterungsversuche halfen mir leider auch nicht viel weiter, weil ich auf die Entfernung im Stadion einfach nichts erkennen konnte. Was steckt eigentlich hinter diesem Sport und warum ist er in Australien – und England – so beliebt?

In England und vielen anderen Commonwealth-Ländern ist Rugby ein Nationalsport. Im Albion gibt es hierzu den vielzitierten Spruch „Football is a gentleman’s sport played by hooligans, rugby is a hooligans’ sport played by gentlemen“. Whaaat? Das fand ich überraschend, als ich es zum ersten Mal hörte: Dieser rabiate Sport gehört tatsächlich an allen englischen Privatschulen zum guten Ton.

Rugby wird grundsätzlich nach zwei verschiedenen Regelwerken gespielt: dem der Rugby Union und dem der Rugby League. Laut dem Marktforschungsunternehmen Statista spielten 2018 in England etwa 70.600 Menschen mindestens zwei Mal im Monat in der Rugby League, in der Rugby Union waren es rund 240.000.

Die diesjährige Rugby-Weltmeisterschaft der Männer (Rugby Union), die am 2. November zu Ende ging, sorgte für ein paar kleinere und größere Sensatiönchen. Es war viel los: Das Turnier fand dieses Mal in Japan statt, und wegen des Taifun Hagibis mussten einige Spiele abgesagt werden. Die Ausrichter, die es in vergangenen Turnieren selten durch die Vorrunde geschafft hatten, gewannen alle ihre Spiele im sogenannten heat. Und die berühmt-berüchtigte neuseeländische Mannschaft, die All Blacks, verlor zum ersten Mal seit Langem gegen England, welches es dadurch zum ersten Mal seit 2007 ins Finale schaffte. Sieger des Turniers wurden die Springboks – zum ersten Mal in der Geschichte des südafrikanischen Rugby mit einem schwarzen Kapitän, Siya Kolisi.

Als wir den Rugby World Cup im deutschen Fernsehen verfolgten, amüsierte sich mein englischer Ehemann übrigens immer wieder darüber, wie die deutschen Kommentatoren „Tacklings“ im Plural benutzten, was im Englischen seltsam klingt (hier würde man tackles sagen).

Ein wichtiger europäischer Pokal der Rugby Union ist der Six Nations Cup. Dieser begann 1883 als Home International Championship zwischen England, Schottland, Irland und Wales. 1910 kam Frankreich dazu, und das Turnier wurde in Five Nations umbenannt. Im Jahr 2000 trat Italien bei und führte damit die Bezeichnung Six Nations ein. Seit 2001 gibt es den Six Nations Cup der Frauen.

Die nächste Rugby-Weltmeisterschaft der Frauen findet 2021 in Neuseeland statt, die der Männer 2023 in Frankreich.

Wer mehr wissen will, findet hier ein paar nützliche Links:

https://passport.worldrugby.org/?page=beginners&p=12&language=DE

https://www.rugbyworld.com/tournaments/rugby-world-cup-2019/tmo-television-match-official-explained-88934 (TMO explained)

https://www.sixnationsrugby.com/

https://en.wikipedia.org/wiki/Rugby_union_gameplay#Kicking

https://www.ran.de/rugby/news/rugby-lexikon-der-wichtigsten-begriffe

Der Pommes-Buddha sagt: Vor dem Ei ist nach dem Ei.

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Ein Stern am Horizont

0104 Ein Stern am Horizont

Man sieht es allenthalben in deutschen Texten – in Stellenanzeigen, Parteiprogrammen, auf Webseiten: das Gendersternchen. Doch was hat es damit auf sich? Wer sollte es benutzen und warum? Und kann man ein * sprechen?

In einem Gespräch mit einer Freundin konstatierten wir jüngst: Wir leben in aufregenden, umwälzenden Zeiten. Allein im letzten Jahr hat sich im öffentlichen Diskurs so viel getan. Greta Thunberg hat dafür gesorgt, dass Klimaschutz nicht mehr nur special interest ist. Öffentlich geäußerte Meinungen sind vielfältiger als je zuvor. Vormals kleine Themen sind Mainstream geworden und langsam finden wir durch all diese kontroversen Auseinandersetzungen wieder in eine neue Debattenkultur.

Auch die Sichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache hat einen kleinen Aufschwung erfahren. Was vormals als übertrieben penibel galt, ist nun für einige bereits selbstverständlich. Doch wie beziehen wir uns sprachlich richtig auf Männer, Frauen, Menschen?

Nun, zunächst sollten wir uns überlegen, welche Menschen in der eigenen Sprache vorkommen sollen und welche Unterscheidungen wir treffen möchten. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf einem geschlechtlich binären (weiblich/männlich) System aufgebaut ist. Inzwischen wissen aber viele von uns bereits, dass es auch Menschen gibt, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen wollen. Seit Dezember 2018 dürfen sich diese Menschen in Deutschland in ihrem Personalausweis als „divers“ (d) bezeichnen. In vielen Stellenausschreibungen findet man daher hinter dem Jobtitel die Spezifizierung „(m/w/d)“. Betrachtet man diverse Menschen als eine Minderheit, die man nicht gesondert sichtbar machen möchte, so kann man weiter beim binären System bleiben.

Will man jedoch sprachlich so inklusiv wie möglich sein, so ist das Gendersternchen eine zwar heiß umstrittene, aber gängige Variante. Z. B. schreibt man dann „Leser*innen“ und meint damit alle im betreffenden Kontext lesenden Menschen, auch diejenigen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten. Ich benutze das Gendersternchen in E-Mails etc. sehr gerne, weil ich finde, dass es wie eine schöne Schneeflocke die Einzigartigkeit jedes Menschen und gleichzeitig unsere gesellschaftliche Vielfalt symbolisiert und dass es nicht schaden kann, alle Menschen einzubeziehen.

In bestimmten Kontexten wie Klima- und Nachhaltigkeitsthemen ist das Sternchen mittlerweile Gang und Gäbe. Als ich neulich auf dem Unterstützerinnentreffen für die Allianz für Entwicklung und Klima dolmetschte, sprach ich sogar das Gendersternchen, weil ich mir sicher war, dass das Publikum dort daran gewöhnt war. Das Gendersternchen spricht man, indem man vor dem Sternchen eine kleine Sprechpause macht (also „Leser-innen“; mehr dazu findet Ihr hier).

Eine weitere Möglichkeit, alle Menschen einzuschließen, wäre eine neutrale Substantivform wie „Lesende“. So etwas mag oftmals noch konstruiert klingen, aber im akademischen Kontext hat sich das seit Jahren übliche „Studierende“ bereits so etabliert, dass es einem nun schon ganz normal vorkommt. Beispielsweise wurde sogar das „Studentenwerk“ in „Studierendenwerk“ umbenannt.

Eine Freundin, deren Ehemann Lehrer an einem Gymnasium ist, berichtet, dass dort die Form „Schülerinnen und Schüler“ (im Schriftlichen abgekürzt SuS) wie selbstverständlich von allen verwendet wird.

Was ich in meinen Blogtexten mache, ist zu versuchen, weibliche und männliche Formen möglichst organisch abzuwechseln, damit der Lesefluss ungestört bleibt. Andere gehen noch weiter und verwenden ausschließlich die weibliche Form. In diesem Fall sind Männer eben „mitgemeint“, so wie Frauen es jahrzehntelang auch waren.

Im Englischen gibt es übrigens seit geraumer Zeit die Tendenz, weibliche Substantivformen zu vermeiden. Beispielsweise bezeichnen auch feministisch geprägte Schauspielerinnen sich selbst oft als actor, obwohl es die feminine Form actress durchaus gibt. Dahinter steckt die Auffassung, dass man Frauen dadurch empowert, sie nicht als Sonderfall herauszustellen. (Hier ein spannender Artikel zum Thema aus dem Guardian.) Derselbe Ansatz war in der DDR üblich, wo Frauen stets mit der maskulinen Form ihrer Berufsbezeichnung auf sich selbst Bezug nahmen („Ich bin Ingenieur“).

Ganz schön verwirrend – und ein Patentrezept gibt es nicht. Auch viele andere, kreative Lösungen sind möglich. Fakt ist, Sprache schafft Realitäten. Viele Untersuchungen zeigen, dass der Sprachgebrauch durch den sogenannten Priming-Effekt beeinflusst, was wir für möglich, für realistisch, für normal halten. Und wir alle gestalten diese Konzepte mit. Überlegt Euch also, in welcher Welt Ihr leben wollt und fangt an, sie zu sprechen!

Der Pommes-Buddha sagt: Mann, Frau – wer weiß es schon genau?

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Wind of Change

Wind of Change

Neulich war ich auf einer 90er-Party eingeladen. Ja, so weit ist es schon! Die 90er sind mittlerweile nostalgiefähig und scheinen doch immer noch gar nicht soooo lange her. Als wir Eltern, die laut unseren Kindern an diesem Abend „sehr jugendlich“ aussahen, auf einen Genre-Reigen von Insomnia über Teenage Dirtbag bis hin zu Wannabe „abtanzten“, wie man das in den 90ern nannte, waren wir wieder mitten in unserer Schulzeit. Sogar die alten Dance-Moves kamen uns wieder. Und hier der Pommesbuddheske Gedanke: Musik verbindet über Ländergrenzen hinweg, oder? Was wissen die Britinnen von „unseren 90ern“? Und was hat dies mit dem heutigen Tag der Deutschen Einheit zu tun?

Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es einer weiteren Anekdote. Also, holt Euch ein Heißgetränk, zieht die Schuhe aus und macht es Euch auf der Couch bequem: “When I was a lad”, wie die Schwester meines amerikanischen Austauschpartners immer zu sagen pflegte, wenn sie weit ausholte – nein, so weit zurück geht es dann doch nicht. Es war an einem Mittwoch im Juli. Ich hörte vormittags BBC Radio 4 und stolperte dabei über die Sendung “Soul Music”, in der es an diesem Tag doch tatsächlich um die Hymne der deutschen Wiedervereinigung Wind of Change von den Scorpions ging. Ich war überrascht darüber, dass diese Rockballade tatsächlich auch in UK bekannt war und immer noch ist. (Hier kann man sehen, dass zumindest die Re-Release-Single im Herbst 1991 immerhin Platz 2 der UK Charts erreichte und 9 Wochen in den Charts blieb: https://www.officialcharts.com/search/singles/wind-of-change/.)

Das Beeindruckendste an der Sendung waren jedoch die sehr persönlichen Berichte von Zeitzeugen, die zum Teil unglaublich bewegende Geschichten der Flucht schildern. Besonders berührt hat mich das, weil meine Großeltern mütterlicherseits ebenfalls aus der damaligen DDR geflohen sind und sich in Westdeutschland ein neues Leben aufbauen mussten.

Eine Demokratie sei die Deutsche Demokratische Republik nie gewesen, berichtet einer der deutschen Zeitzeugen auf Englisch. Nur dem Namen nach. Und das Wichtigste, was wir heute hätten, seien Frieden und die Freiheit, die politische Partei zu wählen, die einem gefalle.

Für meine Familie mündeten damals viele kleine und größere Ereignisse in der letztendlichen Entscheidung, die Wohnung mit allen Möbeln zurückzulassen, keinem der Freunde oder Bekannten etwas zu erzählen, und Hals über Kopf abzuhauen. Nachhaltig in mein Gedächtnis gebrannt hat sich beispielsweise die Anekdote meiner Mutter, die es zutiefst verabscheute, im Kindergarten jeden Morgen „Händchen falten, Köpfchen senken und eine Minute an Stalin denken“ zu müssen. Sie überzeugte meine Großmutter, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu müssen, und zwar mit den Worten: „Wenn ich da noch mal hinmuss, erzähle ich denen, dass ihr RIAS hört!“

Wie sich doch tatsächlich und zu aller unser großem Glück die Zeiten geändert haben. Sorgen wir dafür, dass dies auch so bleibt!

Der Pommes-Buddha sagt: Mir hän dodursch su vell jewunne.

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Die Krönung

3d rendering of chess board game

Seit in Großbritannien für den Brexit gestimmt wurde, sind viele interessante Entwicklungen zu beobachten. Eine davon ist die gefühlt wieder auflebende Begeisterung für die berühmt-berüchtigte quirkiness („Schrulligkeit“) der Briten, allen voran der Royal Family. Filme wie „Paddington“ und Serien wie „The Crown“ erfreuen sich größter Beliebtheit. Hier sind ein paar unnütze Fakten über die British monarchy.

Laut der britischen Zeitung The Guardian erhält die Krone derzeit gut 82,2 Mio. GBP Steuergelder jährlich (im November 2017 wurde der Anteil von 15 % auf 25 % des Crown Estate („Kronguts“) erhöht). Bei einem BIP von rund 2 Bio. GBP im vergangenen Jahr sind das also etwa 0,004 %.

Die Queen spricht wie alle Britinnen und Briten der sozialen Oberschicht Hochenglisch, die sogenannte received pronunciation oder RP. Hierbei handelt es sich um eine auch als Queen’s English bekannte, von regionalen Färbungen freie, künstliche Variante des Englischen. Von einigen wird es auch als posh English bezeichnet.

Bis vor gut 10 Jahren wurde erwartet, dass alle Reporter der öffentlich-rechtlichen BBC-Fernseh- und Radiosender RP verwenden. Daher nannte man diese Sprachvariante auch BBC English. Die konservative Tageszeitung The Daily Telegraph (Wir erinnern uns: Sie wird gelesen von Leuten, die denken, das Land wird von einem anderen Land regiert (Blog-Eintrag „Pressestimmen“).) schrieb 2008, der Chef der BBC wünsche sich mehr regionale Akzente. Zynische Stimmen munkeln, diese Öffnung hin zu einer großzügigen Vielfalt drücke sich heute darin aus, dass Schottisch das neue BBC English geworden sei.

Hier findet man übrigens etliche Hörbeispiele britischer Dialekte: http://weloveaccents.co.uk/.

Die Königsfamilie ist nach wie vor beliebt. Laut einer Opinium (nicht Opium!)-Umfrage waren 2017 zwei Drittel der BritInnen für die Erhaltung der Monarchie. Findet gar ein königliches Großereignis wie eine Hochzeit (Save the Date: Prince Harry & Meghan Markle heiraten am 19. Mai 2018!) statt, ist das Land außer Rand und Band. Man feiert kostümiert auf den Straßen oder im eigenen Garten, wo Accessoires wie Fähnchen, Hüte und Wimpelketten nicht fehlen dürfen.

Bei der letzten royal wedding 2011 ging das Spiel „Find Your Royal Wedding Name“ in den sozialen Netzwerken viral. Nach einer Spielart setzt man seinen Namen, den man als hypothetischer Gast bei der königlichen Hochzeit trägt, wie folgt zusammen: Lord/Lady + Name des ersten Haustiers + Name der Straße, in der man aufwuchs. In anderen Varianten findet der Mädchenname der Mutter oder der Vorname der Großeltern Verwendung.

Unter glühenden Handarbeitsverfechtern hochbeliebt war auch das Buch „Knit Your Own Royal Wedding“ von Fiona Goble.

Wer sich für die menschliche Seite des jüngeren britischen Königshauses interessiert, dem sei die Netflix-Serie „The Crown“ ans Herz gelegt. Sie überzeugt durch bewegende Darstellung – doch Achtung: historische Ereignisse werden nicht immer wahrheitsgetreu dargestellt. Elisabeth II, oder wie die Berliner sie auch gerne gewohnt schnodderig, aber liebevoll, nennen: Themsen-Else, wird von der großartigen Claire Foy einfühlsam und mit wunderbarer RP portraitiert.

Wer einen für alle Generationen unterhaltsamen, angekitschten Familienfilm vor der Kulisse Londons sucht, ist mit Paddington (1 + 2) gut beraten. Nicht zuletzt ist auch das sehr britisch: das Romantische, leicht Abgehobene, Urige, Fantasievolle. Denn wie las ich neulich recht treffend auf einer Postkarte? Die Realität ist etwas für Leute, die Angst vor Einhörnern haben.

Der Pommes-Buddha sagt: It takes all sorts to make the world.

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Die Frühjahrsfibel

Wiese mit bunten Blumen im Frhling

Mit dem Beginn des Frühlings geht jedes Jahr so einiges einher. Allenthalben werden Phänomene wie die Frühjahrsmüdigkeit und der Frühjahrsputz von allerlei Blickwinkeln beleuchtet. Schauen wir uns mal einige dieser Phänomene an. Gibt’s die eigentlich auch in Großbritannien?

Mich hat’s irgendwie auch erwischt. Im März fühlte ich mich eine ganze Weile lang matt und ständig müde. Das ist die sogenannte Frühjahrsmüdigkeit, die laut einer WDR-Reportage auf die energieraubende Umstellung des Stoffwechsels zurückzuführen ist und etwa zwei Drittel aller Menschen betrifft. Mein englischer Ehemann hatte davon noch nie gehört. Also googelte ich dieses Phänomen und fand heraus, dass es auf Englisch offenbar spring fever genannt werden kann. Eine Umfrage unter einer Handvoll muttersprachlicher Freunde und Kolleginnen ergab jedoch, dass spring fever 1. nicht sehr verbreitet bis hin zu unbekannt ist und 2., wenn überhaupt, meist eher in der nachgerade antonymen Bedeutung, nämlich im Sinne eines Herbeisehnens des Frühlings, verwendet wird. Das Konzept der Frühjahrsmüdigkeit scheint also in den englischsprachigen Kulturen kein etabliertes zu sein.

Den Frühjahrsputz hingegen gibt es auch im englischen Sprachraum. Dort heißt er spring cleaning. Das wissen wir spätestens seit der gleichnamigen Folge der international bekannten englischen Kinder-Kultserie Shaun das Schaf.

Es ist schon seltsam, aber auch ich verspüre dieser Tage einen gesteigerten Drang, auszumisten und alles schön zu machen. „Ausmisten“ ist übrigens auch ein schönes deutsches Wort, das eigentlich aus der Agrarwirtschaft kommt und clearing out (the dung) bedeutet. Wenn eine Deutsche, die keinen Bauernhof betreibt, jedoch sagt: „Ich hab‘ ausgemistet“, bezieht sich dies immer auf das Aussortieren von Alltagsgegenständen zum Wegwerfen, Weggeben (also Verschenken) oder Verkaufen.

Neulich fuhren wir mit unseren Kindern im Auto zum nächstgelegenen Erlebnisbauernhof (wie man das als Mittelschicht-Städter mit ökologischem Sendungsbewusstsein so macht). Vor uns fuhr ein grauhaariger Herr recht langsam und unsicher. „Sunday driver“, kommentierte mein englischer Ehemann. Ah, dachte ich, den Sonntagsfahrer gibt’s also auch auf Englisch – scheint ein international verbreitetes Phänomen zu sein. Ganz im Gegensatz zum Geisterfahrer, wie in diesem Medium bereits berichtet.

Am letzten Wochenende im März ist es dann stets soweit: Die Uhren werden auf Sommerzeit umgestellt. Das geschieht in Großbritannien übrigens zur selben Zeit. Die Sommerzeit, die ja eigentlich die „falsche“, also die von der allgemeinen Übereinkunft abweichende, Zeitzählung ist, heißt dort Daylight Saving Time, also die Zeit, die das Tageslicht erhält.

Und was hat es eigentlich mit dem Ausdruck „Fibel“ aus dem Titel auf sich? Es handelt sich, wie ich finde, um ein sehr schönes, altes deutsches Wort. Heutzutage wird es nicht mehr oft gebraucht, früher bezeichnete es ein Lesebuch, mit dem Schüler das Lesen lernten. Heute wird es laut Duden eher für Lehrbücher verwendet, die in ein Fachgebiet einführen.

Also, nun seid Ihr für den britisch-deutschen Frühling gefibelt und dürft ihn in vollen Zügen genießen!

Der Pommes-Buddha sagt: Ein Sonntagsfahrer macht noch keinen Frühling.

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Wetterkunde

Pinker Regenschirm und gelbe Gummistiefel Freisteller

Mein englischer Ehemann ist schon ganz genervt: Immer wenn er sagt, woher er kommt, erntet er von den Deutschen mitleidige Blicke und einen Kommentar über den vielen Regen in England. „In London regnet es viel weniger, als ihr denkt!“ ruft er dann stets verzweifelt gen Himmel. Was aber ist dran, an dem Mythos vom Engländer und dem Wetter?

Es ist das ultimative Klischee: Der Engländer spricht gern über das Wetter. Allzu oft trifft dies jedoch in der Tat zu. Der perfekte Einstieg für jede Unterhaltung mit einem Fremden sind Sätze wie It’s turned out nice again (dieser klassische Ausspruch ist sogar in Form eines Films verewigt worden).

Woran dies liegen mag ist eine Frage mit vielen möglichen Antworten. Ein Grund ist sicherlich, dass das Wetter auf der Insel sich für gewöhnlich rasch ändert und somit nahezu unerschöpflichen Gesprächsstoff liefert. Die sprichwörtlichen vier Jahreszeiten an einem Tag habe ich persönlich diverse Male erlebt, beispielsweise im April 2000, als ich mit Freunden zunächst noch im T-Shirt im St James‘ Park picknickte, dann wurde es stürmisch und begann zu schütten, kurz darauf fielen ein paar Schneeflocken und wenige Minuten später kam wieder die Sonne heraus.

Der Exildeutsche Henning Wehn hat das Phänomen des Wettergesprächs in seiner TV-Mini-Serie An Immigrant’s Guide to Britain (Channel 4) sehr anschaulich demonstriert. Eine ungarische Einwanderin machte dort (S01 E01) den Test: Die ungarische Art, in Form eines Komplimentes mit Fremden ins Gespräch zu kommen, sorgte allseits für Misstrauen. Sobald die Kontaktsuchende jedoch einen Kommentar zum Wetter offerierte, waren die Menschen offen und gesprächig.

Dass dieses metereologische Vor-sich-hin-Philosophieren nicht einmal bewusst als „Gespräch“ wahrgenommen wird, zeigt die folgende Situation aus dem Immigrant’s Guide: Ein Herr ergeht sich ganze 30 Minuten in Bemerkungen zum Wetter der letzten Tage. „You like talking about the weather?“ fragt die Ungarin ihn. Er schaut daraufhin ganz erstaunt und erwidert: “Not particularly, no. Why?”

Das Wetter ist das Sesam-öffne-dich zur britischen Seele. Eine Zauberformel, die die Macht besitzt, selbst schüchterne Mauerblümchen in smooth operators zu verwandeln. Probiert es doch bei nächster Gelegenheit einmal aus. Es mag zwar einfallslos sein, wie Oscar Wilde befand, doch es erfüllt seinen Zweck. Ich verspreche Euch, Ihr werdet Überraschendes erleben!

Übrigens ist, wie bereits im Beitrag „Radiokult“ erwähnt, der Seewetterbericht (shipping forecast) eine besondere Ausprägung der britischen Wettervernarrtheit.

Für die weitere Lektüre über das Englischsein sei zudem zum wiederholten Male Kate Fox‘ Buch Watching the English wärmstens empfohlen.

Der Pommes-Buddha sagt: Auf Regen folgt Sonnenschein.

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Manche sind gleicher

Equality concept

Am 10. November war Equal Pay Day im Vereinigten Königreich. Das bedeutet, dass britische Frauen im Durchschnitt von diesem Tag an umsonst arbeiten, während die britischen Männer bis zum 31.12. bezahlt werden. Klingt ungerecht? Ist auch so. Aber wie steht Deutschland im Vergleich da?

Mein englischer Ehemann ist genervt. „Unglaublich, wie sexistisch Deutschland ist!“ findet er immer wieder. Besonders spiegele sich das im deutschen Fernsehprogramm wider. Diskussionsrunden seien fast ausschließlich mit Männern besetzt – und häufig mit einer „Alibi“-Frau, die dann aber auch optisch etwas hermachen müsse. Moderatoren seien vorwiegend männlich. Im Unterhaltungsbereich, aber auch in halb-seriösen Formaten, würden klassische Rollenklischees bedient.

Insbesondere im Sportbereich präsentierten sich Frauen, offenbar auch nach ihrem Selbstverständnis, als schmückendes Beiwerk – man schaue sich eine beliebige Siegerehrung an. Weibliche Fußballkommentatoren würden, so sich denn ein Sender überhaupt einmal progressiv vorwagt und sie einsetzt, von Shitstorms überrollt.

Nicht nur mein Mann findet das peinlich. In vielen anderen europäischen Ländern wird Deutschland als sehr konservativ wahrgenommen, was die Gleichstellung der Geschlechter betrifft. (Siehe hierzu auch „Raven Mothers“.)

Dies drückt sich auch in Zahlen aus. In Prozentpunkten beträgt der sogenannte Gender Pay Gap, also der Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern, in UK 13,9 %. In Deutschland beträgt er saftige 21 %. Deutsche Frauen werden demnach bis zum 18. März 2017 arbeiten müssen, um dasselbe zu verdienen wie deutsche Männer bis Ende 2016. Der 18. März ist denn auch der deutsche Equal Pay Day.

Auch wenn Großbritannien in Geschlechterfragen fortschrittlicher ist als Deutschland, bleibt in beiden Ländern viel zu tun. Hier gilt es, für jede und jeden Einzelnen, auch in den banalsten Situationen Farbe zu bekennen.

Und wer hier Berührungsängste mit dem Wort „Feminismus“ hat, dem lege ich die englische Journalistin Caitlin Moran ans Herz, die in ihrem Buch How to Be a Woman einen Feminismus-Schnelltest entwickelte: „So here is the quick way of working out if you’re a feminist. Put your hand in your pants. a) Do you have a vagina? and b) Do you want to be in charge of it? If you said ‘yes’ to both, then congratulations! You’re a feminist.“

Und als Mann darf man sich fragen: Möchte ich, dass meine Freundin/Ehefrau/Tochter ein selbstbestimmtes Leben führt? Hier gilt entsprechend: Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet, ist – hoppla! – Feminist. So schnell kann’s gehen! Been there. Done that.

Wer von seiner neu gewonnenen Identität nun mehr erwartet als nur ein lousy t-shirt, dem sei zum weiteren erbaulichen Konsum, neben Caitlin Morans Buch, der Blog von Pinkstinks (und hier insbesondere der jüngere Beitrag zum Thema Rollenverhalten) und die WDR-Sendung FrauTV wärmstens empfohlen.

Der Pommes-Buddha sagt: Männer sind (noch) gleicher als Frauen.

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Wo ist die Gurke?

Cucumber and slices isolated over white background

Neulich hatte ich mal wieder ein Synchron-Erlebnis der dritten Art. Ich sah mir im WDR die erste Folge der Serie Cucumber an (Spoiler-Alarm!). (Ja, wie schon letztes Mal erwähnt: Ich bin in der digitalen Steinzeit aufgewachsen und schaue oft ganz gewöhnliches Fernsehen. Freddy würde hierzu sagen: „That’s so 35-years-old!“) Der Trailer hatte mich neugierig gemacht. Aber da die Serie auf Deutsch synchronisiert war, fehlten mir grundlegende Informationen.

Zu Beginn geht ein Mann etwa mittleren Alters durch einen Supermarkt. Aus dem Off hört man seine Stimme. Aus dem Trailer wusste ich, dass die Serie synchronisiert ist, und nahm an, es handele sich um eine US-amerikanische Serie. Hätte ich diese Off-Stimme gleich im Original gehört, hätte ich gewusst, dass es eine britische Serie ist.

Gut, diese Information kann sich die aufmerksame Zuschauerin dann kurz später zusammenreimen, da sie bald britische Straßenzüge (enge Straßen, britische Verkehrszeichen, gelbe Linien am Straßenrand etc.) erspäht. Da fragte ich mich dann, mangels unmissverständlich zuordenbarer Bauwerke, ob die Serie wohl in London spielt. Dies hätte sich gegebenenfalls ebenso durch eine Kumulation entsprechender regionaler Sprachakzente erkennen lassen.

Nach etwa einer halben Stunde wird über Daniel, den neuen Kollegen einer der Hauptfiguren, Lance, gesagt, er sei „moved up here from London“. Hm. Also nicht London. Kurz darauf wird dann Manchester erwähnt – eine Stadt, deren Akzent für Geübte recht eindeutig erkennbar ist.

Verblüffend, dachte ich mir, wie viel doch in ein paar kleinen originalen englischen Sätzen liegen kann. Insbesondere, da in der gesprochenen britischen Sprache die Regionalität sehr stark ausgeprägt ist und in britischen TV-Produktionen oft eine wichtige dramaturgische Rolle spielt. Auch erinnere ich mich, dass es früher bei deutschen Synchronisationen üblich war, die mit dieser Regionalität verknüpften Assoziationen durch eine ähnliche entsprechende Färbung in der Zielsprache hervorzurufen. Beispielsweise hat der Texaner Major Kong in der deutschen Fassung von Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb einen ruhrdeutschen Akzent. (Mehr über den Umgang mit Ruhrpottlern und deren Sprache findet Ihr hier: http://www.ruhrgebietssprache.de/.)

Um mich nicht des Sprecher-Bashings schuldig zu machen, ist es mir ganz grundsätzlich übrigens ein Anliegen, einmal zu erwähnen, dass es nicht die deutschen Stimmen als solche sind, die die Synchronisation zu einer Zumutung machen. Viele Sprecher leisten ganz wunderbare Arbeit und bemühen sich, der jeweiligen Figur Leben einzuhauchen. Mich stört vielmehr die künstliche Distanz, die durch die Synchronisation selbst, ungeachtet ihrer Qualität, geschaffen wird. Mehr zum Thema schrieb ich bereits in „An mein Ohr kommt nur Wasser und O-Ton“ und in „Magnum in distress“.

Ich begrüße daher die Initiative einiger Sender, einige englischsprachige Serien und Shows im Original mit Untertiteln zu zeigen. Besonders lobend erwähnt sei in diesem Zusammenhang die großartige Tonight Show mit Jimmy Fallon, die der TV-Sender „One“ (ehemals „Einsfestival“) tagesaktuell mit deutschen Untertiteln zeigt, vor denen man nur den Hut ziehen kann! (Leonie and colleagues, you rock!)

Wie dem auch sei: Mein englischer Ehemann und ich besorgten uns dann jedenfalls Cucumber auf Englisch und waren, kurz gesagt, begeistert! Ein unkonventionelles Setting in der LGBT-Szene von Manchester, eine Erzählung mit stilsicheren Pointen, in der sich dennoch jeder wiederfindet und eine Besetzung, die wie Arsch auf Eimer passt, machen dieses Juwel der britischen Fernsehwelt zu einem herausragenden Comedy-Drama. Cucumber sei jeder ans Herz gelegt, die jenseits der Vorstadtidyllen-Unterhaltung die eigenen Vorstellungen aus einem inspirierenden Blickwinkel unter die Lupe nehmen und mal wieder so richtig lachen (und ein wenig weinen) möchte.

Wer sich übrigens manchmal fragt, wer eigentlich die deutsche Stimme von … ist, wird hier sicher fündig: https://www.synchronkartei.de.

Der Pommes-Buddha sagt: Gurke mit Untertiteln – ein Gedicht!

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Strandurlaub

Sunrise at Brixam in Devon

Wenn ich Freunden und Bekannten erzähle, dass ich nach England in den Sommerurlaub fahre, ernte ich oft mitleidige Blicke. England hat bei den Deutschen, vollkommen zu Unrecht, den Ruf, täglich mit Regen oder zumindest allenfalls unbeständigem Wetter aufzuwarten. Hier eine kleine Anleitung für diejenigen, die sich trotzdem trauen.

Großbritannien ist bekanntlich eine Insel und hat somit viel Strand. Mein englischer Ehemann wird es nicht müde zu betonen, dass man von jedem beliebigen Punkt in England aus binnen maximal zweier Autostunden am Strand ist. Doch was erwartet einen dort?

Das hängt von der Wahl des Urlaubsortes ab. Der typische britische Badeort, für den Brighton wohl als Vorführbeispiel gelten darf, verfügt über ein Pier, oft aus viktorianischer Zeit und mit Lichterketten dekoriert, einen Strand mit beach huts, die obligatorischen Billig-Souvenirläden, eine sogenannte arcade (eine Art Spielhalle mit zahlreichen Münzautomaten, an denen Groß und Klein Tand gewinnen kann), einen Minigolfplatz (Crazy Golf o. Ä.), eine Bimmelbahn und ggf. auch den einen oder anderen künstlerisch inspirierten Laden in den versteckten Gässchen des Ortes.

Natürlich gibt’s dazu auch gemäßigte Alternativen diverser Abstufungen bis hin zum verschlafenen Fischerörtchen mit einem Tante-Emma-Laden und einem Pub (Polruan in Cornwall beispielsweise).

Meine Schwiegermutter besteht darauf, dass es für einen echten Küstenurlaub zweier Dinge bedarf: eines Strandhäuschens (beach hut – auch tageweise zu mieten), in dem man sich aufhalten und allerlei Ausrüstung lagern kann, und crabbing, also Krabbenfischen mit einer crab line und einem Eimer.

Entgegen den Befürchtungen vieler Kontinentaleuropäer regnet es in vielen Gegenden Englands nicht besonders viel. Manche Gebiete wie Cornwall oder Dorset sind gar für ihre vielen Sonnenstunden bekannt, und aus eigener Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Von Mai bis September gibt’s hier meist ein angenehmes Klima, und sogar im Oktober hatten wir in Cornwall schon oft trockenes Wetter.

Viele Orte, die zu Stoßzeiten überfüllt sind, sind in der Nebensaison wunderbar (Fowey in Cornwall, Swanage in Dorset).

Klar, es ist nicht ganz günstig, in England Urlaub zu machen – aber das ist es an der Nordsee auch nicht. Und auch wenn es schwer fällt, dem Brexit ansonsten etwas Gutes abzugewinnen: Zumindest das Britische Pfund ist derzeit wieder erschwinglich für uns Europäer …

Ein paar Webseiten für nette Ferienhäuschen:

http://www.islandcottageholidays.com

https://www.cornishhorizons.co.uk/

Nächstes Mal … Ach, lasst Euch überraschen!

Der Pommes-Buddha sagt: Ich bin reif für die Insel.

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Pressestimmen

Pile of old newspapers, selective focus

Pressestimmen

Wer schon einmal mit der Londoner Tube (U-Bahn) gefahren ist, wird sicherlich dieselbe Beobachtung gemacht haben wie ich: Auffallend viele Menschen in England lesen Zeitung. Laut der deutschen Zeitung Die Welt gilt die Londoner Fleet Street, die sich im britischen Sprachgebrauch als Synonym für „die Presse” etabliert hat, als Vorreiter der deutschen Presselandschaft (siehe dieser Artikel). Hier ein paar Dinge, die man über britische Tageszeitungen wissen sollte.

Zunächst ein paar Zahlen, die vielleicht überraschen: 2014/15 hatte die Tagespresse in UK eine Gesamtauflage von 7 Mio. (bei etwa 65 Mio. Einwohnern), die deutsche 16,8 Mio. (bei etwa 81 Mio. Einwohnern) – das heißt es kommt eine Tageszeitung auf jeden 5. deutschen, jedoch nur etwa jeden 9. britischen Menschen (Quellen: BDZV und Newsworks). Dennoch haben Zeitungen traditionell einen hohen persönlichen Stellenwert im Leben vieler britischer Bürger.

Die britische Tagespresse lässt sich, ähnlich wie die deutsche, grob in zwei Kategorien unterteilen: die eher sachlich-intellektuellen broadsheets und die Boulevardpresse, die tabloids, auch popular press oder yellow press genannt. Oftmals wird heutzutage zusätzlich ein mittleres Segment („mid-market newspapers“) unterschieden.

Sympathisch finde ich, dass man auf der Insel ungeachtet einer persönlichen, meist sozial geprägten Präferenz nicht selten bereit ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Im Urlaub oder am Sonntag, wenn genügend Zeit ist, kauft sich der interessierte Brite gerne auch mal zwei oder drei verschiedene Tageszeitungen – wobei die Sonntagsausgaben auch für ein besonders ausschweifendes Leseerlebnis sorgen, das zum britischen Kulturgut gehört.

Doch in der britischen Presselandschaft wird nicht nur gekuschelt. Die Boulevardzeitung The Sun wird seit der Hillsborough-Katastrophe und bis heute in Liverpool weitgehend boykottiert. Das Blatt hatte nach dem Zuschauerunglück im Hillsborough-Stadion in Sheffield beim Halbfinale des britischen Fußballpokalspiels zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest 1989 wahrheitswidrig das Verhalten der Liverpooler Fans verantwortlich für das Ausmaß der Katastrophe gemacht und wird seitdem von vielen Liverpudlians nicht mehr gelesen.

Ein weiterer großer Skandal ist der News-International-Skandal, in dessen Folge die des Abhörens von Mobilfunk-Mailboxen überführte Zeitung News of the World 2011 eingestellt wurde.

Zu guter Letzt sei zum Zwecke der weiteren Erhellung ein Ausflug in die audiovisuellen Medien gestattet, und zwar zu einer der TV-Serien, die meines Erachtens die britische Kultur in unvergleichlich spitzfindiger und pfiffiger Weise treffend widerspiegelt. Es handelt sich um ein Juwel der britischen intelligenten Unterhaltung − das im Übrigen in Deutschland, wo man sich in der Welt der medialen Unterhaltung in der Regel einzig zwischen „niveaulos“ und „hoch-intellektuell“ entscheiden kann, seines Gleichen sucht – und zwar Yes, Prime Minister.

Im Hinblick auf die britische Presse-Arena entspannt sich dort nun in Folge 4 der 2. Staffel dieser Polit-Realsatire der folgende Dialog zwischen dem manipulativen leitenden Regierungsbeamten Sir Humphrey, dem ansonsten als etwas unterbelichtete Marionette des administrativen Establishments dargestellte Premierminister Jim Hacker und dessen Sekretär und Stichwortgeber Bernard Woolley (Namen der Zeitungen diesseits hervorgehoben):

Sir Humphrey: The only way to understand the Press is to remember that they pander to their readers’ prejudices.

Jim Hacker: Don’t tell me about the Press. I know *exactly* who reads the papers. The Daily Mirror is read by the people who think they run the country. The Guardian is read by people who think they *ought* to run the country. The Times is read by the people who actually *do* run the country. The Daily Mail is read by the wives of the people who run the country. The Financial Times is read by people who *own* the country. The Morning Star is read by people who think the country ought to be run by *another* country. The Daily Telegraph is read by the people who think it is.

Sir Humphrey: Prime Minister, what about the people who read The Sun?

Bernard Woolley: Sun readers don’t care *who* runs the country – as long as she’s got big tits.

Yes, Prime Minister: A Conflict of Interest (1987): http://www.imdb.com/title/tt0751828/quotes?item=qt0179457

Ich persönlich fühle mich in meiner Lesepräferenz jedenfalls treffend beschrieben.

Für die weiterführende Lektüre einschließlich einer umfassenden Liste mit allen britischen Zeitungen empfehle ich diesen Link zu Wikipedia.

Und ganz am Schluss hätte ich noch einen Tipp für diejenigen, die genug von destruktivem Journalismus haben: Die neueste Entwicklung im deutschen Online-Journalismus heißt Perspective Daily. Könnte eine Alternative sein …

Und nächstes Mal schauen wir uns an, in welches deutsche Bundesland man ziehen sollte.

Der Pommes-Buddha sagt: A paper a day keeps the Brits in sway.

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