Höflichkeit ist eine Zier

Pondering Life

Eines der ersten Dinge, die mir aufgefallen sind, als ich als Studentin in London lebte, war die nachgerade allerorten erlebte Höflichkeit meiner Mitmenschen. Wenn man zur Rush Hour in der Tube versehentlich jemandem auf den Fuß trat, entschuldigte sich dieser mehrmals dafür, derlei Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Man mag dies als übertriebenen vorauseilenden Gehorsam aburteilen. Ich empfand es als im alltäglichen Umgang äußerst angenehmes Respektszeugnis. Was ist dran am Mythos des britischen Gentleman?

Laut dem englischen Schauspieler Edward Fox „[b]eing a gentleman is the number one priority, the chief question integral to our national life.“ Auch wenn man heute in Großbritannien, wie in jedem Land, Klagen über den Verfall von Sitte und Anstand vernimmt, so kann man doch sicher sein, dass der politeness auf der Insel im Allgemeinen erheblich mehr Bedeutung beigemessen wird als in unserem schönen Land. Mein englischer Ehemann wird es niemals müde zu betonen, dass Szenen wie die folgende – in Deutschland an der Tagesordnung – angesichts des unangebrachten Einmischens in fremde Angelegenheiten in England Stürme der Entrüstung auslösen würden.

Neulich fuhr ich in Köln mit dem Bus vom Bezirksrathaus nach Hause. Ich stand, meine zu diesem Zeitpunkt acht Wochen alte Tochter lag im Kinderwagen vor mir. Wie Babys es mit unerhörter Zuverlässigkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun pflegen, weinte sie herzzerreißend. Eine ältere Dame wohnte dem Spektakel entsetzt bei und begann, dieses zu kommentieren. „Das Baby ist schon ganz rot. Das ist bestimmt nicht gut!“ Da ich nicht reagierte, forderte sie mich alsdann auf: „Nehmen Sie es doch mal heraus!“ Nachdem ich nur kurz erwiderte, das sei ja nun gerade schlecht möglich, setzte sie fort: „Was hat das Baby?“ (Wäre ich schlagfertig gewesen, hätte ich entgegnet: „Was haben Sie???“)

Solche und ähnliche Szenen werden mir von jungen Eltern allenthalben geschildert. Wildfremde, „gutmeinende“ Menschen verteilen großzügig Ratschläge, Aufforderungen oder gar Anfeindungen in Bezug auf die Kindererziehung. In Großbritannien ist so etwas verpöhnt. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck small talk, denn der big talk gehört in die eigenen vier Wände.

Den Nörglern sage ich, entspannt Euch alle mal und schaut, wie Elternsein heute geht: http://time.com/3720541/how-to-parent-like-a-german/?xid=newsletter-brief. Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich The Idle Parent von Tom Hodgkinson (hier zusammen mit zwei weiteren Büchern besprochen).

Nächste Woche wird’s bärig. Oder beerig?

Der Pommes-Buddha sagt: Einatmen – und ausatmen.

> Audioversion

  

Ein Tag beim Rennen

Rennbahn

Wer kennt sie nicht, die Bilder eleganter Damen in wagenradgroßen Hüten, die Champagner schlürfend am Rande der Pferderennstrecke im englischen Ascot posieren? Die Herren in Frack und Zylinder, die Tageszeitung unterm Arm? So vergnügt sich die High Society auf der Insel, denkt man. Nur die High Society?

Am 11. April ist es wieder soweit: Am wichtigsten Tag im Pferderennkalender wettet die britische Nation beim Grand National auf der Liverpooler Rennbahn Aintree zum Vergnügen. Dieses Spektakel kommt einem nationalen Feiertag gleich. Durch alle Schichten der Gesellschaft hinweg putzt man sich heraus und geht zur Rennbahn oder wettet im örtlichen Wettbüro.

Auch im übrigen Jahr ist der Besuch der Pferderennbahn ein durchaus gängiges Vergnügen. Besonders schick gekleidet wird sich dafür in der Regel nicht. Und es geht auch nicht sehr festlich zu: Familien bringen eine Decke und Essen mit und machen auf der Wiese an der Bahn ein Picknick. Selbstverständlich lässt es sich kein echter Brite nehmen, beim Rennen auch zu wetten. Hierzu sucht man sich aus den freien Buchmachern am Platz denjenigen mit der günstigsten Quote für das Wunschpferd heraus.

In Deutschland sind Pferderennen ein weniger verbreitetes Freizeitvergnügen. Dabei bietet beispielsweise die Kölner Galopprennbahn ein herrliches Ausflugsziel für die ganze Familie: Erfrischungen von Pommes über Erdbeerbowle bis hin zum Champagner verwöhnen das kulinarisch geneigte Publikum – alternativ kann man auch hier picknicken oder auch das äußerst vorzeigbare Gasthaus Rennbahn aufsuchen. Die Kleinen vergnügen sich auf dem Spielplatz, der sogar eine Hüpfburg vorzuweisen hat.

Wetten kann man hier natürlich auch, allerdings nicht bei Buchmachern, sondern nur direkt beim Rennverein nach dem Totalisator-Prinzip (engl. Tote). Ich persönlich suche mir meine Favoriten immer nach dem Namen aus. „Oh So Sassy“, „Yourartisonfire“, „Swiftly Done“, „Boomerang Bob“ (keine Konfabulationen von mir!) – am liebsten mag ich Namen, aus denen man Sätze bilden kann. Unsere dreijährige Tochter orientiert sich gerne am schönsten Jockey-Trikot. Mein Mann hingegen wendet eine nicht entschlüsselbare englische Geheimstrategie an, mit der er so gut wie immer unseren gesamten Wetteinsatz zurückgewinnt.

Übrigens verfügt Köln auch über die einzige Jockeyschule in Deutschland. Und viele Jockeys heißen ja Hermann. Oder? Wer war nochmal Hermann? Mehr dazu nächste Woche …

Der Pommes-Buddha sagt: Auch Einhufer können Herzstück eines vergnüglichen Nachmittages sein. Prosit!

> Audioversion

  

Wie groß ist deine Wohnung?

Rendered Industrial Bedroom

Diese Frage stellte mein Mann einer Kollegin, die von ihm wissen wollte, ob ihre Miete zu teuer sei. Sie antwortete als Britin erwartungsgemäß mit der Anzahl der Schlafzimmer („One bedroom.“). Als sich mein Mann, durch seine intensiven Erfahrungen auf dem Kölner Immobilienmarkt offensichtlich erfolgreich indoktriniert, nach der genauen Quadratmeterzahl erkundigte, zuckte seine Kollegin mit den Achseln. Die wusste sie beim besten Willen nicht. Im Ernst?

In der Tat sucht man Quadratmeterangaben in britischen Wohnungsanzeigen vergeblich. Entscheidend ist einzig, über wie viele Schlafzimmer eine Immobilie verfügt. Hier kommt man als Deutscher leicht durcheinander, denn bei uns ist eine 2-Zimmer-Wohnung (oder im Osten des Landes „2-Raum-Wohnung“) eine Wohnung mit einem Schlafzimmer (das zweite Zimmer ist das Wohnzimmer). In Großbritannien geht man davon aus, dass ein Wohnzimmer keiner besonderen Erwähnung bedarf. Eine 2-bedroom flat wäre hier somit eine 3-Zimmer-Wohnung. Eine 1-Zimmer-Wohnung wird in UK studio genannt. Die tatsächliche flächenmäßige Größe der Wohnung ist dem Briten offenbar schnuppe. Kaum zu glauben, wenn man in einem Land groß wurde, in dem es Formeln für die Berechnung der Bodenfläche unter Dachschrägen gibt und man rechtlich gegen den Vermieter vorgehen kann, wenn die Quadratmeterzahl mehr als 10 % unter der angegebenen liegt.

Verwirrend ist auch die Zählweise der Etagen, sobald man den Atlantik überquert. Bei uns beginnt man beim Erdgeschoss (EG) und zählt dann 1., 2., 3. usw. Obergeschoss (OG). In Großbritannien entsprechend ground floor und dann first, second, third usw. floor. In den USA hingegen ist der first floor das EG. Eigentlich logisch.

Auch ein englischer Bekannter von uns, seines Zeichens Kfz-Mechaniker, bestätigte jüngst, die Deutschen liebten genaue Zahlenangaben: Hier müsse jeder sein Gewicht in Kilogramm und seine Körpergröße in Zentimeter kennen. Seine Kollegen hätten es nicht durchgehen lassen, dass er sein eigenes Gewicht nicht anzugeben wusste und ihn auf der werkstatteigenen Industriewaage gewogen.

Dass auch die Österreicher es genau nehmen, erfahrt ihr nächste Woche.

Der Pommes-Buddha sagt: Was wäre das Leben ohne Zentimeter?

> Audioversion

  

Gruß aus der Heimat

Briefkasten

Einer der Gründe, warum ich Großbritannien so mag, sind die zahlreichen liebenswerten Sitten und Bräuche seiner Einwohner. Dazu gehört beispielsweise das Verschicken einer Grußkarte zu jedem erdenklichen Anlass. In Deutschland verschickt man viel seltener Karten, und die Anforderungen an den Gratulanten unterscheiden sich von denen auf der Insel. Aber in welcher Form? Und warum stehen Liebhaber englischer Grußkarten mit der Deutschen Post auf Kriegsfuß?

Im Januar hat die Deutsche Post, wie alle Jahre wieder, das Porto für einen Standardbrief erhöht. Ein „normaler“ Brief nach England kostet nunmehr 0,80 €. Hat man sich jedoch an den 08/15‑Motiven und –Formaten vieler deutscher Grußkartenfabrikanten satt gesehen und pflegt angesichts ihrer stilvoll bezaubernden Andersartigkeit Karten britischer Vertreiber wie Marks & Spencer oder John Lewis zu erwerben, so darf man keineswegs davon ausgehen, damit „normale“ Post zu verschicken. Eine englische Grußkarte – und das macht gerade einen beträchtlichen Teil ihres Charmes aus – hat selten die hier üblichen Formate DIN A6 oder DIN lang, sondern ist oft kleiner und meist entweder quadratisch oder sehr schmal und länglich. Damit unterschreitet sie das Mindestformat der Deutschen Post und kostet mittlerweile 1,50 €.

Doch zurück zum Brauch des Kartenschreibens. In Großbritannien ist es vollkommen üblich, auf eine Karte handschriftlich lediglich die Adressaten, (sofern kein vorgedruckter Text vorhanden ist) einen kurzen Einzeiler und schließlich die Grußformel einzutragen. Eine Grußkarte wird also als genau dies betrachtet: ein kurzer, lieber Gruß. In unseren Breiten hingegen gilt eine vorformulierte Karte als lieblos. Es werden vom Verfasser mindestens ein bis zwei handschriftliche und möglichst individuell formulierte Sätze erwartet.

Bei den Briten ist es zudem Brauch, erhaltene Grußkarten zu würdigen, indem man sie für einen gewissen Zeitraum daheim sichtbar präsentiert, beispielsweise auf dem Fensterbrett oder dem im angelsächsischen Raum berühmt-berüchtigten Kaminsims. Meine Schwiegermutter etwa dekoriert alljährlich hingebungsvoll ihre Wohnzimmerwand mit allen an sie verschickten Weihnachtskarten. In Deutschland legt man Karten nach dem Lesen beiseite, und oft landen sie alsbald im Altpapier. (Immerhin!)

Und nächste Woche wird’s kulinarisch …

Der Pommes-Buddha sagt: Eine Karte macht noch keinen Brief.

> Audioversion

  

Poesie made in London

bangers and mash

Als ich meinem Ehemann, einem Typen aus Südost-London, erzählte, dass ich einen Eintrag über Rhyming Slang schreiben wolle und ihn fragte, was er mir darüber sagen könne, erwiderte er, dieser Patois sei altmodisch und eigentlich nicht mehr gebräuchlich. Und das aus dem Mund desselben Mannes, der allabendlich unserer Tochter amüsiert ins Gesicht sagt, sie sei „cream-crackered“ (= knackered; etwa: „hundemüde“). Aber was hat bloß Steffi Graf mit alldem zu tun?

Beim sogenannten Rhyming Slang handelt es sich um eine aus London stammende ursprünglich als Ganovensprache entwickelte „Geheimsprache“, die darauf aufbaut, dass man das eigentlich gemeinte Wort durch eine Redewendung ersetzt, die sich auf dieses Wort reimt. Ein Beispiel aus dem klassischen (und laut dem an dieser Stelle zur vertiefenden Lektüre empfohlenen Oxford Dictionary of Rhyming Slang in der Tat heute obsoleten) Rhyming Slang ist apples and pears („Äpfel und Birnen“) anstelle von stairs („Treppe“). Das genannte Wörterbuch definiert des Weiteren eine zumindest passiv geläufige Form des Rhyming Slang, die durch Kultfilme und –serien wie Only Fools and Horses und Lock, Stock and Two Smoking Barrels am Leben erhalten bleibt. Hierzu gehört dog and bone („Hund und Knochen“) für phone („Telefon“). Schließlich gibt es noch die Neuschöpfungen, den modernen und durchaus gebräuchlichen Rhyming Slang. Aus den 1990er Jahren stammt der Ausdruck Steffi Graf für (having a) laugh („lachen“, „sich lustig machen“). Es kann sich bei den Redewendungen also auch um Namen bekannter (realer wie fiktiver) Persönlichkeiten handeln.

Treibt man die Charade auf die Spitze, so verwendet man nicht die gesamte Redewendung, sondern lediglich den ersten Teil davon. So entstehen Sätze wie You’re having a Steffi oder Take a pig’s out of the tower („Nimm‘ ein Bier [pig’s ear à beer] aus dem Kühlschrank [Tower Bridge à fridge]“; Zitat der Schauspielerin Gemma Arterton in einer 2014er Dezemberausgabe der Sendung Alan Carr Chatty Man als Beispiel für eine typische Aussage ihres Cockney sprechenden Vaters).

In Australien scheint sich eine eigene Variante des Rhyming Slang entwickelt zu haben, denn im genannten Oxford Dictionary werden auch etliche australische Neuschöpfungen erwähnt.

Und beim nächsten Mal geht’s um eine Eigenheit der deutschen Sprache …

Der Pommes-Buddha sagt: Wer ohne Würstchen zum Gürtel geht, steckt in Barney. (Na, wer kann das entschlüsseln?)

> Audioversion

  

Pfannkuchentag

Stack of vegan pancakes with almond milk

In einer Woche ist Aschermittwoch – das Ende der ausschweifenden Karnevalszeit und der Beginn der entbehrungsreichen Fastenzeit. Am Tag zuvor, dem Karnevals- oder Veilchendienstag (merke: „Fastnacht“ oder „Fasching“ heißt es im Rheinland niemals!) , gilt es zwei Dinge zu tun: erstens, noch einmal richtig die Sau ‘rauslassen und, zweitens, die sündigen Taten ins Jenseits befördern. Doch was hat das alles mit Pfannkuchen zu tun?

In Großbritannien heißt besagter Dienstag auch Pancake Day, und getreu der durch den Karneval im US-amerikanischen New Orleans bekannt gewordenen Bezeichnung Mardi Gras („Fetter Dienstag“) werden an diesem Tag fettige Pfannkuchen gebacken und mit Zitrone und Zucker verzehrt. (In unseren Breiten wird entsprechend Fettgebackenes in diversen schillernden Varianten wie Berlinern oder Muzen konsumiert.) Die britischen pancakes haben zwar einen ähnlichen Durchmesser wie die amerikanischen (für deutsches Verständnis eher den einer „kleinen“ Bratpfanne, also ca. 16-18 cm, statt, wie hier üblich, mehr als 20 cm), sind aber wesentlich dünner. Die Zubereitung macht einen Großteil des Vergnügens aus, und der pancake enthusiast lässt es sich nicht nehmen, die Pfannkuchen mit einem gekonnten Schwung aus dem Handgelenk in der Luft zu wenden. Wichtig ist, dass die Pfanne beschichtet und sehr heiß ist und der Teig dünn aufgetragen wird. Sobald sich der Pfannkuchen losrütteln lässt, kann er gewendet werden und braucht dann auf der zweiten Seite nur noch ca. 10-15 Sekunden. Hier gibt’s ein supereinfaches Rezept.

Der zweite Teil auf der To-Do-Liste am Pfannkuchentag wird in Köln durch die Nubbelverbrennung exerziert. Eine Strohpuppe, die stellvertretend für alle in der Session begangenen Sünden steht, wird feierlich und ritualisiert verbrannt – und schon ist alles vergeben und vergessen. Eine traditionellere katholische Variante wäre die Beichte, auf deren Konzept der andere Name des Pancake Day, nämlich Shrove Tuesday (von „shrive“ = „beichten“), basiert.

Und welcher berühmte Politiker sich einst als „Krapfen“ bezeichnet hat, erfahrt Ihr nächste Woche.

Der Pommes-Buddha sagt: Ein schöner Pfannkuchen hat noch keinem geschadet.

> Audioversion

  

Ein Mann und sein Hund

Schäferhund

Hand hoch: Wer von Euch erinnert sich an den „Claim“ der 80er-Jahre-TV-Serie Knight Rider? „Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht“. Daran erinnert es mich, wenn ich den Titel des in Großbritannien seit Jahren immens beliebten TV-Formats „One Man and His Dog“ höre. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um ein Kriminalfälle aufklärendes Ermittler-Duo, sondern …

… schlichtweg um eine Person und ihr Nutztier. In dem Programm, das seit 1976 (!) zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird und in seinen besten Zeiten 8 Millionen Zuschauer zählte, geht es um nichts Anderes als Hundehalter und, ungeachtet des sexistischen Titels auch gelegentlich -halterinnen, die auf einem Feld-, Wald- und Wiesenparcours die Qualitäten ihres Hirtenhundes demonstrieren. Die Hunde müssen Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade erfüllen und dabei Schafe durch verschiedene Hindernisse treiben. Punktabzug gibt es beispielsweise, wenn nicht alle Schafe durch das vorgegebene Gatter laufen. Als im Musikantenstadl-Deutschland sozialisierte Person ist man ja manchen Kummer gewohnt, aber bei diesem Feuerwerk der Unterhaltung blieb selbst mir die Kinnlade offen stehen.

Der Erfolg einer so biederen Sendung ist jedoch symptomatisch für die andererseits wiederum äußerst einnehmende Tierliebe der Briten. Ich kenne kein anderes Land, in dem Themen rund um die heimische Fauna derart viel öffentlicher Raum gewidmet wird wie im Vereinigten Königreich. Wo sonst werden Ereignisse wie „The oldest Barnacle Goose ever recorded was seen last week at WWT Caerlaverock Wetland Centre on the Solway Coast“ als Sensation gefeiert? Nirgends wird mit so viel Nachdruck um die Mithilfe der Bevölkerung gebeten, wenn es um die Sichtung einer bedrohten Vogelart geht, nirgends mit so viel Inbrunst die Fuchs- und Dachsproblematik im urbanen Raum diskutiert. Als abgestumpfter Mitteleuropäer findet man dies zunächst befremdlich. Öffnet man sich jedoch dieser leicht verklärten Naturvernarrtheit, erfährt man, beispielsweise durch eine ganz non-virtuelle Art des „Tweet of the Day“, kathartische Entschleunigung.

Interessanterweise ist es trotz dieser Sorge um die Natur bei den Briten mit der Mülltrennung nicht so weit her. Auf der Insel gelten wir Deutschen als Umweltschutz-Extremisten. Mein Mann macht sich zu Recht regelmäßig darüber lustig, dass der Nachbar zwar mit Argusaugen darüber wacht, ob wir Papier und Plastik ordnungsgemäß entsorgen, ein Tempolimit auf der Autobahn aber als ultimative Zumutung empfindet. Und dass Kohle hier immer noch subventioniert wird.

Nächste Woche erwartet Euch dann ein saisongemäßer Exkurs in humoristische Gefilde.

Der Pommes-Buddha sagt: Bitte rufen Sie an, wenn Sie eine Weißwangengans in Ihrem Garten sichten.

> Audioversion

  

Der Ball ist rund

Sport balls

Alle Jahre wieder, im Januar, öffnet sich das Transferfenster. Eine passende Gelegenheit, sich das Thema des deutschen wie englischen Nationalsports einmal genauer anzusehen …

Mit der Frage konfrontiert, was er denn an England am meisten vermisse, pflegt mein Ehemann zu antworten: Match of the Day. Dort ist dies die wichtigste Fußball-Fernsehsendung am Samstagabend, in der, nunmehr seit gut 50 Jahren, alle Spiele der Premier League zusammengefasst und von Experten recht kurzweilig kommentiert werden. Vergleichbar wäre in Deutschland vielleicht Das aktuelle Sportstudio, plus andere Sportarten und minus die Kurzweile.

Hüben wie drüben ist Fußball Nationalsport und vieldiskutiert. Es gibt unzählige eingefleischte Fans und die meisten Einwohner beider Länder wachsen mit „ihrem Verein“ auf. Ich erinnere mich lebhaft an einen Besuch bei Freunden in Newcastle: Er ein hartgesottener NUFC-Fan, für den das Nirvana der Gästeunterhaltung darin bestand, gemeinsam The 283 Goals of Alan Shearer anzusehen – und er konnte zu jedem Tor genau die Umstände berichten. Sein schier unzügelbarer Enthusiasmus war anrührend, muss jedoch auch hierzulande, davon bin ich überzeugt, seinesgleichen nicht lange suchen.

„Fußball“ heißt übrigens auf Britisch „football“. In den USA und Australien, die jeweils eine dort viel bekanntere nationale Variante desselben betreiben (American bzw. Australian football [downunder auch Aussie (rules) football oder schlicht footie genannt]), nennt man den Sport mit dem runden Leder zur Unterscheidung „soccer“. Im US-amerikanischen Englisch gibt es außerdem noch das Wort „foosball“, das sich auf das Spiel bezieht, das wir „Kicker“ oder „Tischfußball“ nennen.

Und, liebe EngländerInnen, in Deutschland heißt es „englische Woche“, wenn Bundesliga‑ und andere Spiele ausnahmsweise einmal unter der Woche stattfinden – was bei Euch ja üblich ist. (An dieser Stelle empfehle ich wärmstens das Wikipedia-Glossar der Fußballbegriffe, auch in einer englischen Version verfügbar.) Fragt sich im Umkehrschluss, ob die jüngste Entscheidung, in der Premier League den Freitagabend als regulären Spieltermin einzuführen, dann wohl als German week bezeichnet werden wird?

Diese kleine Exkursion möchte ich gerne mit der Warnung eines Bekannten einer Freundin zu einer Frage der Elternschaft schließen, die die Themen der vergangenen und laufenden Woche durch eine wunderbare Metapher miteinander verbindet: „Du musst dir immer klar sein: Mit dem dritten Kind wechselst du von Manndeckung auf Raumdeckung.“

Nächste Woche bleiben wir im Spielfluss und folgen einem großen Gewässer.

Der Pommes-Buddha sagt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

> Audioversion

  

Abschied

Bearers with coffin

Das Jahr ist an seinem Ende angelangt. Der Kreis von Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter schließt sich. Dies mag Anlass bieten, einmal über eine besinnlichere Frage nachzudenken: Wie gehen verschiedene Kulturen mit dem Ende des Lebens um?

Diese Frage beschäftigt mich spätestens seit mir die äußerst sehenswerte amerikanische TV-Serie Six Feet Under klargemacht hat, dass es in den USA grundsätzlich üblich ist, Verstorbene einzubalsamieren. Zudem sollen Aufgebahrte so „lebensecht“ wie möglich aussehen und werden zu diesem Zweck oft umfassend kosmetisch aufbereitet. Ehrlich gesagt hat mich die Erkenntnis dieses Disneyesken Ansatzes ziemlich schockiert.

In Großbritannien variieren die Traditionen. Tote werden im gesamten Land in der Regel nicht einbalsamiert. In Irland werden Verstorbene oft für einige Tage im eigenen Haus aufgebahrt. In England hingegen ist dies eher nicht verbreitet. In der britischen Gesellschaft ist es – zwar etwas weniger ausgeprägt als in den USA, aber dennoch – üblich, Kinder besonders zu „schützen“. Sie werden für gewöhnlich nicht auf Beerdigungen mitgenommen.

Auch in Deutschland wird es unterschiedliche Einstellungen zum Umgang mit dem Tod und zu der Frage geben, inwieweit Kinder mit in das Thema eingebunden werden. Meines Erachtens wird der Tod immer noch zu stark vom Leben abgegrenzt, anstatt als wesentlicher Bestandteil desselben angesehen zu werden, mit dem es sich auseinander zu setzen gilt. Hierzulande kann man jedoch Verstorbene für gewöhnlich noch einmal „ungeschminkt“ sehen und von ihnen Abschied nehmen. Einerseits sieht die verstorbene Person einfach friedlich aus, und das hilft einem, für sich einen Abschluss zu finden. Andererseits wird man sich dadurch der Tatsache bewusst, dass es lediglich die tote Hülle eines geliebten Menschen ist, die man sieht. Meine damals zweijährige Tochter, die auf den Anblick ihrer aufgebahrten Urgroßmutter völlig unvoreingenommen reagierte, drückte dies bestechend treffend aus: „Uroma ist weg.“

Ähnlich nachvollziehbar erklärte der Schauspieler Timothy Spall im Oktober in der britischen TV-Sendung The Graham Norton Show: „[a near-death experience] gives you a bigger intolerance of bullshit but a more open mind.“

Nächste Woche, zur Geburt des neuen Jahres, wenden wir uns dann konsequent dem etwas heitereren Thema des neuen Lebens zu.

Der Pommes-Buddha sagt: Der Kreis schließt sich und die Welt dreht sich weiter.

> Audioversion

  

Ein Knaller!

Christmas Cracker

„Wie nennt man ein Kamel in Alaska?“ – „Verirrt!“ Gemeinhin sind die Briten ja für ihren spitzfindigen und schwarzen Humor bekannt. An Weihnachten jedoch werden sie alle zu Kindern und freuen sich wie Schneekönige ob jedes noch so profanen Witzes. Solche und ähnliche Schenkelklopfer sind Teil eines sehr britischen Rituals beim Weihnachtsessen: der Christmas crackers …

Am ehesten könnte man diese mit Knallbonbons vergleichen, die ja bei uns allemal an Silvester gebräuchlich sind. In Großbritannien dürfen sie bei keinem Weihnachtsessen fehlen. Zwei Personen nehmen jeweils ein Ende des cracker in die Hand und ziehen kräftig, bis es knallt. Die Person, die den größeren Teil erwischt, darf den Inhalt behalten. In jedem Christmas cracker befindet sich die Grundausstattung: eine Papierkrone (die aufgesetzt und während des gesamten Essens zwingend aufbehalten werden muss) und ein Zettel mit einem Witz im eingangs beschriebenen Stil, der unbedingt laut vorgelesen werden muss. Obligatorisch ist dabei auch die laute, ritualisierte Zwischenfrage der Zuhörer einschließlich Wiederholung der Scherzfrage: „Ich weiß nicht. Wie nennt man denn ein Kamel in Alaska???“ Zusätzlich sind dann noch kleine Gimmicks in dem Knallbonbon enthalten.

Das Wort „cracker“ („Kracher“, „Knaller“) bezeichnet in diesem Fall und ganz grundsätzlich einen Gegenstand, der laut knallt oder explodiert. Im übertragenen Sinne hat es dieselbe Bedeutung wie die beiden genannten deutschen Entsprechungen, nämlich die von etwas Außergewöhnlichem: „That was a cracker of a goal“ (etwa: „Was für ein Hammertor!“). Von dieser Bedeutung ausgehend gibt es einige Ausdrücke, die den Wortstamm „crack-“ enthalten, beispielsweise „to have a cracking good time“ (etwa: „sich blendend amüsieren“), „Get cracking!“ („Mach‘ mal voran!“) oder „You crack me up“ (etwa: „Du machst mich fertig“, i. S. v. „zum Lachen bringen“, aber auch „den letzten Nerv rauben“).

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein Knaller-Weihnachtsfest! Und nächste Woche geht’s um einen echten Silvesterknaller, der aus England kommt, den jedoch kaum ein Engländer kennt.

Der Pommes-Buddha sagt: Hauptsache, ihr verkracht euch nicht, ihr Knalltüten!

> Audioversion