Pressestimmen

Pile of old newspapers, selective focus

Pressestimmen

Wer schon einmal mit der Londoner Tube (U-Bahn) gefahren ist, wird sicherlich dieselbe Beobachtung gemacht haben wie ich: Auffallend viele Menschen in England lesen Zeitung. Laut der deutschen Zeitung Die Welt gilt die Londoner Fleet Street, die sich im britischen Sprachgebrauch als Synonym für „die Presse” etabliert hat, als Vorreiter der deutschen Presselandschaft (siehe dieser Artikel). Hier ein paar Dinge, die man über britische Tageszeitungen wissen sollte.

Zunächst ein paar Zahlen, die vielleicht überraschen: 2014/15 hatte die Tagespresse in UK eine Gesamtauflage von 7 Mio. (bei etwa 65 Mio. Einwohnern), die deutsche 16,8 Mio. (bei etwa 81 Mio. Einwohnern) – das heißt es kommt eine Tageszeitung auf jeden 5. deutschen, jedoch nur etwa jeden 9. britischen Menschen (Quellen: BDZV und Newsworks). Dennoch haben Zeitungen traditionell einen hohen persönlichen Stellenwert im Leben vieler britischer Bürger.

Die britische Tagespresse lässt sich, ähnlich wie die deutsche, grob in zwei Kategorien unterteilen: die eher sachlich-intellektuellen broadsheets und die Boulevardpresse, die tabloids, auch popular press oder yellow press genannt. Oftmals wird heutzutage zusätzlich ein mittleres Segment („mid-market newspapers“) unterschieden.

Sympathisch finde ich, dass man auf der Insel ungeachtet einer persönlichen, meist sozial geprägten Präferenz nicht selten bereit ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Im Urlaub oder am Sonntag, wenn genügend Zeit ist, kauft sich der interessierte Brite gerne auch mal zwei oder drei verschiedene Tageszeitungen – wobei die Sonntagsausgaben auch für ein besonders ausschweifendes Leseerlebnis sorgen, das zum britischen Kulturgut gehört.

Doch in der britischen Presselandschaft wird nicht nur gekuschelt. Die Boulevardzeitung The Sun wird seit der Hillsborough-Katastrophe und bis heute in Liverpool weitgehend boykottiert. Das Blatt hatte nach dem Zuschauerunglück im Hillsborough-Stadion in Sheffield beim Halbfinale des britischen Fußballpokalspiels zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest 1989 wahrheitswidrig das Verhalten der Liverpooler Fans verantwortlich für das Ausmaß der Katastrophe gemacht und wird seitdem von vielen Liverpudlians nicht mehr gelesen.

Ein weiterer großer Skandal ist der News-International-Skandal, in dessen Folge die des Abhörens von Mobilfunk-Mailboxen überführte Zeitung News of the World 2011 eingestellt wurde.

Zu guter Letzt sei zum Zwecke der weiteren Erhellung ein Ausflug in die audiovisuellen Medien gestattet, und zwar zu einer der TV-Serien, die meines Erachtens die britische Kultur in unvergleichlich spitzfindiger und pfiffiger Weise treffend widerspiegelt. Es handelt sich um ein Juwel der britischen intelligenten Unterhaltung − das im Übrigen in Deutschland, wo man sich in der Welt der medialen Unterhaltung in der Regel einzig zwischen „niveaulos“ und „hoch-intellektuell“ entscheiden kann, seines Gleichen sucht – und zwar Yes, Prime Minister.

Im Hinblick auf die britische Presse-Arena entspannt sich dort nun in Folge 4 der 2. Staffel dieser Polit-Realsatire der folgende Dialog zwischen dem manipulativen leitenden Regierungsbeamten Sir Humphrey, dem ansonsten als etwas unterbelichtete Marionette des administrativen Establishments dargestellte Premierminister Jim Hacker und dessen Sekretär und Stichwortgeber Bernard Woolley (Namen der Zeitungen diesseits hervorgehoben):

Sir Humphrey: The only way to understand the Press is to remember that they pander to their readers’ prejudices.

Jim Hacker: Don’t tell me about the Press. I know *exactly* who reads the papers. The Daily Mirror is read by the people who think they run the country. The Guardian is read by people who think they *ought* to run the country. The Times is read by the people who actually *do* run the country. The Daily Mail is read by the wives of the people who run the country. The Financial Times is read by people who *own* the country. The Morning Star is read by people who think the country ought to be run by *another* country. The Daily Telegraph is read by the people who think it is.

Sir Humphrey: Prime Minister, what about the people who read The Sun?

Bernard Woolley: Sun readers don’t care *who* runs the country – as long as she’s got big tits.

Yes, Prime Minister: A Conflict of Interest (1987): http://www.imdb.com/title/tt0751828/quotes?item=qt0179457

Ich persönlich fühle mich in meiner Lesepräferenz jedenfalls treffend beschrieben.

Für die weiterführende Lektüre einschließlich einer umfassenden Liste mit allen britischen Zeitungen empfehle ich diesen Link zu Wikipedia.

Und ganz am Schluss hätte ich noch einen Tipp für diejenigen, die genug von destruktivem Journalismus haben: Die neueste Entwicklung im deutschen Online-Journalismus heißt Perspective Daily. Könnte eine Alternative sein …

Und nächstes Mal schauen wir uns an, in welches deutsche Bundesland man ziehen sollte.

Der Pommes-Buddha sagt: A paper a day keeps the Brits in sway.

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Smelly Pee Season

Frische spargel teller

Dear Brits in Germany, relax, take a deep breath, you’ll live! Those of you who’ve lately noticed a certain physiological phenomenon to do with body fluid evacuation and were about to consult their doctor for fear of a rare, deadly disease, let me tell you a story about a fellow hypochondriac. One day in May, several years ago, my English husband approached me, doom-faced, and mentioned, in confidence, that his urine smelled funny. He was sure he wasn’t going to last much longer on this earth. I laughed. Wicked wife that I am. Here’s why …

Most Germans grow up knowing this because we just love asparagus. In case this is news to you, just open your peepers and note the separate Spargel section on each restaurant menu between mid-April and late June (yes, that’s Spargelsaison aka Smelly Pee Season), some establishments even have a separate menu containing a varied selection of asparagus.

So, in this country, asparagus, when in season, is the queen – and not just a lackey – of vegetables. And when I say asparagus, I mean white asparagus. We will eat green, but it’s not very common. I don’t know why we go bonkers about it – it may have something to do with seasonality, i.e. scarcity – but we absolutely love it.

And every region has its prime cultivation area. When I lived in Berlin, Beelitzer Spargel was the toast of the town. In Cologne, my impression is that the trend is more towards specific farms such as Beller Spargel. Buying straight from the supplier is the dernier cri in the middle class Gen X community, of course.

The classic recipe is boiled asparagus with potatoes, cooked or raw ham, hollandaise sauce or melted butter and chives. But there are also wonderful variations in the form of salad or risotto. For an easy meal, I recommend buying peeled asparagus (you can take the peel home too if you’re keen on using every part of the plant, and make soup from it), wrapping 4 to 6 spears in aluminium foil with some butter, salt and chives (making an air-tight package with some air inside it) and baking it in the oven (around 190 °C) for just under 30 minutes. This preserves the juicy flavours best. You can replace the potatoes with savoury pancakes (a variety from the Baden region a friend once revealed). The hollandaise sauce you can buy in a pack is just fine (Lukull is my preferred brand). So now you’re ready to take on your truly German culinary adventure.

Unfortunately, there is a small downside. As hinted above, asparagus, white or green, makes your pee smell. Not everyone’s. Some asparagus consumers are more equal than others. And some are even lucky enough to lack the gene to smell the putrid stench. But the phenomenon is known as (I love this German term) Uringeruch nach Spargelgenuss, which my giddy linguist friend Sus finds heart-warming pleasure in converting to Uringenuss nach Spargelgeruch.

The smell wears off if you drink lots, though. So here’s a simple recipe for Maibowle, a refreshing, lovely, equally seasonal punch. It requires some preparation and, yes, the woodruff (Waldmeister) is imperative (you can buy that on farmer’s markets or pick it yourself, but make sure it’s not blossoming yet; and it freezes well) – but the result is rewarding. Enjoy!

And next time, let’s take a stroll down Fleet Street …

The Pommes Buddha says: Only smelly pee is good pee.

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Hörnchenfieber

European red squirrel with hazelnut, clean green background, Czech republic, Europe

In meinem Auslandssemester in London traf ich im Hyde Park zum ersten Mal auf in meinen Augen riesige graue Eichhörnchen. Wir hielten diese damals für Ausnahmeerscheinungen. Erst als mein englischer Ehemann in Deutschland zum ersten Mal ein (rotes) Eichhörnchen sah und gleich das Statistische Tieramt, oder was immer das deutsche Äquivalent des JNCC ist, benachrichtigen wollte, wurde mir klar, dass es sich beim grauen Pelz wohl um die Serienausstattung britischer Hörnchen handelt. Ein Abriss der deutschen und britischen Hörnchenkultur …

Die großen, grauen Eichhörnchen, im Deutschen „Grauhörnchen“, kommen ursprünglich aus den USA und wurden laut Wikipedia 1889 vom Menschen in England eingebürgert. Im Süden von Großbritannien haben sie die roten Eichhörnchen inzwischen fast ganz verdrängt. Lediglich in Schottland trifft man die roten Nager auch heute noch häufiger an.

Das Wort Eichhörnchen wurde trotz ursprünglich anderer Herkunft schon früh an die Wörter „Eiche“ (oak) und „Hörnchen“ angelehnt, welches wiederum auf die Benennung von tierischen Geweihen (im Englischen ebenfalls horn) zurückgeht. „Hörnchen“ kann jedoch im Deutschen vielerlei bedeuten. In der Umgangssprache wird eine „Beule“ am Kopf gern als „Hörnchen“ bezeichnet. Ein „Hörnchen“ kann man aber auch essen – entweder in Form des Butterhörnchens aus Hefeteig oder der französischen Croissants oder als Eiswaffel. Um haarige Probleme zu vermeiden, gilt es bei der Aussprache genau zu unterscheiden: „Eichhörnchen“ oder „Eishörnchen“ (ice cream cone). Bei Kindern unter etwa drei Jahre heißt beides „Eishörnsen“.

Die Italiener lieben ja übrigens Teighörnchen mit Cremefüllung, cornetti genannt, nach demselben Wortursprung. Demnach geht der Markenname Cornetto ebenfalls auf das italienische Wort für „Hörnchen“ zurück.

Und dann gibt es noch Hörnchennudeln und die Kartoffelsorte „Bamberger Hörnchen“. Und im nicht-kulinarischen Bereich die Fahrradlenker-Erweiterungen.

Eichhörnchen heißt übrigens squirrel auf Englisch. Das gibt’s auch als Verb. Im Deutschen bezieht man to squirrel away auf ein anderes Tier und nennt es „hamstern“. In der Umgangssprache gibt es auch den Ausdruck squirrel fund, der sich analog zu der Überwinterungsmetapher auf Geld bezieht, das man für schlechte Zeiten beiseite schafft.

Die Österreicher, die für so einige Dinge viel süßere Wörter haben als die Deutschen, nennen das squirrel übrigens Eichkatzerl (gesprochen: „Oachkatzerl“). Wie wunderbar! Wer das nicht mag, ist ein Hörnchenochse. Übrigens würde mein englischer Ehemann hier sagen: „Österreichisch klingt wie wenn ein Inder Deutsch spricht.“

Und nächstes Mal geht’s um ein sehr deutsches Gericht, das gern mit Bamberger Hörnchen serviert wird.

Der Pommes-Buddha sagt: Im Becher oder im Hörnchen?

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