Wetterkunde

Pinker Regenschirm und gelbe Gummistiefel Freisteller

Mein englischer Ehemann ist schon ganz genervt: Immer wenn er sagt, woher er kommt, erntet er von den Deutschen mitleidige Blicke und einen Kommentar über den vielen Regen in England. „In London regnet es viel weniger, als ihr denkt!“ ruft er dann stets verzweifelt gen Himmel. Was aber ist dran, an dem Mythos vom Engländer und dem Wetter?

Es ist das ultimative Klischee: Der Engländer spricht gern über das Wetter. Allzu oft trifft dies jedoch in der Tat zu. Der perfekte Einstieg für jede Unterhaltung mit einem Fremden sind Sätze wie It’s turned out nice again (dieser klassische Ausspruch ist sogar in Form eines Films verewigt worden).

Woran dies liegen mag ist eine Frage mit vielen möglichen Antworten. Ein Grund ist sicherlich, dass das Wetter auf der Insel sich für gewöhnlich rasch ändert und somit nahezu unerschöpflichen Gesprächsstoff liefert. Die sprichwörtlichen vier Jahreszeiten an einem Tag habe ich persönlich diverse Male erlebt, beispielsweise im April 2000, als ich mit Freunden zunächst noch im T-Shirt im St James‘ Park picknickte, dann wurde es stürmisch und begann zu schütten, kurz darauf fielen ein paar Schneeflocken und wenige Minuten später kam wieder die Sonne heraus.

Der Exildeutsche Henning Wehn hat das Phänomen des Wettergesprächs in seiner TV-Mini-Serie An Immigrant’s Guide to Britain (Channel 4) sehr anschaulich demonstriert. Eine ungarische Einwanderin machte dort (S01 E01) den Test: Die ungarische Art, in Form eines Komplimentes mit Fremden ins Gespräch zu kommen, sorgte allseits für Misstrauen. Sobald die Kontaktsuchende jedoch einen Kommentar zum Wetter offerierte, waren die Menschen offen und gesprächig.

Dass dieses metereologische Vor-sich-hin-Philosophieren nicht einmal bewusst als „Gespräch“ wahrgenommen wird, zeigt die folgende Situation aus dem Immigrant’s Guide: Ein Herr ergeht sich ganze 30 Minuten in Bemerkungen zum Wetter der letzten Tage. „You like talking about the weather?“ fragt die Ungarin ihn. Es schaut daraufhin ganz erstaunt und erwidert: “Not particularly, no. Why?”

Das Wetter ist das Sesam-öffne-dich zur britischen Seele. Eine Zauberformel, die die Macht besitzt, selbst schüchterne Mauerblümchen in smooth operators zu verwandeln. Probiert es doch bei nächster Gelegenheit einmal aus. Es mag zwar einfallslos sein, wie Oscar Wilde befand, doch es erfüllt seinen Zweck. Ich verspreche Euch, Ihr werdet Überraschendes erleben!

Übrigens ist, wie bereits im Beitrag „Radiokult“ erwähnt, der Seewetterbericht (shipping forecast) eine besondere Ausprägung der britischen Wettervernarrtheit.

Für die weitere Lektüre über das Englischsein sei zudem zum wiederholten Male Kate Fox‘ Buch Watching the English wärmstens empfohlen.

Der Pommes-Buddha sagt: Auf Regen folgt Sonnenschein.

  

The name

Two businesspeople in office with a handshake.

At times, the smallest word can make a world of difference. We’ve looked at the indefinite article before (‘Ich bin ein Berliner’). Today, let’s look at the power of the definite article. Not thrilled? Wait ‘till you meet Birgit!

Imagine you’re a Brit who’s just moved to Germany. On your first day at work, you meet the colleague with whom you’re going to share an office. She smiles at you, extends her right hand and says, ‘Ich bin die Birgit.’ The Birgit??? What Birgit? ‘If she’s the Birgit, why have I never heard of her before,’ you will rightly wonder.

To all other readers, whose native language is not English, it’s helpful to know that, in certain contexts, the definite article can equal a label of universal significance. It denotes something or someone of which or whom there is only one at a time in the world. Like the Dalai Lama, the Pope or the Pommes Buddha.

In colloquial German, however, it is rather common to place the definite article in front of a name. This conveys an air of, often anticipated, familiarity. It makes the situation more casual and the other person feel more at ease. You would never siezen die Birigt. (Compare the once-popular song Ich bin der Martin ‘ne.)

It’s not compulsory, of course. Many Germans use their name without an article. This can be confusing if the name of the person introducing herself sounds like it starts with a definite article. If you hear, ‘Ich bin Dilara,’ you may identify it as die Lara. The same is true for Diana (die Jana).

By the way, the pronunciation of the in English (/ðə/ vs /ði/) is largely a matter of emphasis. To lend special weight to a word, say /ði/ (‘thee’), otherwise /ðə/ (‘tha’).

The variant /ði/, however, is also used whenever the subsequent noun starts with a vowel sound (ocean, end, internet ‒ but not year, ewe or Europe because the starting sound in all these cases is /j/).

In these cases, the indefinite article, too, changes from a to an. In this respect, I love the grammatical consistency of Cockney, the London accent. Londoners drop the letter h at the beginning of virtually every word, turning words such as history, hotel, house etc. into words beginning with a vowel sound. Consequently, they say an ‘ouse instead of a house. That’s just brilliant!

So, here’s a new entry for your book of the most German phrases ever. Next time you want to come across particularly German, just say, ‘Aber der Dieter hat gesagt, ich soll das so machen!’

Next week let’s meet a very special Australian bus driver.

The Pommes Buddha says: My favourite band? The The. The who? No, The The.

> Audioversion

  

Seitenverkehrt

Pedestrian zebra crossing in London

„Drive on the left, drive on the left, drive on the left.“ Dieser Satz wird zum Mantra, wann immer wir in Folkstone den Shuttlezug des Channel Tunnel verlassen. Wer zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien hin‑ und herreist, muss sich immer wieder an die korrekte Fahrtrichtung erinnern. Auch meinem englischen Ehemann passiert es nach Jahren noch, dass er an der falschen Seite ins Auto steigen will. Doch nicht nur der Straßenverkehr ist in England irgendwie anders (siehe Verkehrserziehung auf Englisch) …

Nicht nur als Autofahrer muss man auf der Insel genau achtgeben, wenn man Rechtsverkehr gewohnt ist – auch als Fußgänger kann es verwirrend sein, dass die Autos aus der anderen Richtung kommen. In London und anderen Städten wird der Fußgänger an Überwegen vorsichtshalber durch einen Hinweis mit Pfeil am Fahrbahnrand entsprechend instruiert („LOOK LEFT“ bzw. „LOOK RIGHT“). Es gibt durchaus Zustände, in denen auch ein Brite dankbar für diese Anweisung ist.

Bewegt man sich zu Fuß auf englischen Bürgersteigen, so wird man feststellen, dass entgegenkommende Passanten, analog zur Fahrtrichtung auf den Straßen, intuitiv nach links ausweichen, wohingegen sie dies in unseren Breiten eher nach rechts tun. Kollisionen vorprogrammiert!

Doch auch zu Tisch wird der aufmerksame Europäer seltsam anmutende Handgriffe beobachten können. Schließt mal kurz die Augen und stellt Euch vor, wie Ihr Suppe löffelt. Nichts dabei, oder? Die Briten machen das jedoch anders. Sie kippen einen so gut wie leeren Teller Suppe meist nach hinten, also vom Körper weg, um den Rest der Flüssigkeit dann mit einer Bewegung auszulöffeln, die ebenfalls vom Körper weg weist. Sieht für uns etwas sonderbar aus – ist aber so!

Eine Sache gibt es jedoch, die in Deutschland und England gleich ist. ÖPNV-Profis werden sofort wissen, wovon ich spreche. Auf allen Rolltreppen beider Nationen gibt es, zumindest in größeren Städten, die (hierzulande ungeschriebene, in London allerorten ausgewiesene) Regel „Rechts stehen, links gehen“. In beiden Ländern werden Pendler ungehalten, wenn Ungeübte die Passage für Eilige auf der linken Seite versperren.

Zum Fahren im Linksverkehr gibt es noch eine Anekdote, wie sie in ähnlicher Form sicher viele zu erzählen wissen. Als Jugendliche machte ich einmal mit meiner Familie und einer befreundeten Familie in England Urlaub. Unterwegs im Mietwagen auf der Straße tippte unsere Freundin ihren Mann, der vorne rechts saß, an und forderte ihn auf, sich mal umzudrehen und sich etwas anzuschauen. Dieser erwiderte entsetzt: „Aber ich fahre doch!“

Aber wehe man ist dann auch noch Linkshänder – dann ist das Chaos perfekt! Und wie dann Daumendrücken geht, sehen wir nächste Woche.

Der Pommes-Buddha sagt: Mein rechter, rechter Platz ist frei …

> Audioversion

  

Poesie made in London

bangers and mash

Als ich meinem Ehemann, einem Typen aus Südost-London, erzählte, dass ich einen Eintrag über Rhyming Slang schreiben wolle und ihn fragte, was er mir darüber sagen könne, erwiderte er, dieser Patois sei altmodisch und eigentlich nicht mehr gebräuchlich. Und das aus dem Mund desselben Mannes, der allabendlich unserer Tochter amüsiert ins Gesicht sagt, sie sei „cream-crackered“ (= knackered; etwa: „hundemüde“). Aber was hat bloß Steffi Graf mit alldem zu tun?

Beim sogenannten Rhyming Slang handelt es sich um eine aus London stammende ursprünglich als Ganovensprache entwickelte „Geheimsprache“, die darauf aufbaut, dass man das eigentlich gemeinte Wort durch eine Redewendung ersetzt, die sich auf dieses Wort reimt. Ein Beispiel aus dem klassischen (und laut dem an dieser Stelle zur vertiefenden Lektüre empfohlenen Oxford Dictionary of Rhyming Slang in der Tat heute obsoleten) Rhyming Slang ist apples and pears („Äpfel und Birnen“) anstelle von stairs („Treppe“). Das genannte Wörterbuch definiert des Weiteren eine zumindest passiv geläufige Form des Rhyming Slang, die durch Kultfilme und –serien wie Only Fools and Horses und Lock, Stock and Two Smoking Barrels am Leben erhalten bleibt. Hierzu gehört dog and bone („Hund und Knochen“) für phone („Telefon“). Schließlich gibt es noch die Neuschöpfungen, den modernen und durchaus gebräuchlichen Rhyming Slang. Aus den 1990er Jahren stammt der Ausdruck Steffi Graf für (having a) laugh („lachen“, „sich lustig machen“). Es kann sich bei den Redewendungen also auch um Namen bekannter (realer wie fiktiver) Persönlichkeiten handeln.

Treibt man die Charade auf die Spitze, so verwendet man nicht die gesamte Redewendung, sondern lediglich den ersten Teil davon. So entstehen Sätze wie You’re having a Steffi oder Take a pig’s out of the tower („Nimm‘ ein Bier [pig’s ear à beer] aus dem Kühlschrank [Tower Bridge à fridge]“; Zitat der Schauspielerin Gemma Arterton in einer 2014er Dezemberausgabe der Sendung Alan Carr Chatty Man als Beispiel für eine typische Aussage ihres Cockney sprechenden Vaters).

In Australien scheint sich eine eigene Variante des Rhyming Slang entwickelt zu haben, denn im genannten Oxford Dictionary werden auch etliche australische Neuschöpfungen erwähnt.

Und beim nächsten Mal geht’s um eine Eigenheit der deutschen Sprache …

Der Pommes-Buddha sagt: Wer ohne Würstchen zum Gürtel geht, steckt in Barney. (Na, wer kann das entschlüsseln?)

> Audioversion