Ein Stern am Horizont

0104 Ein Stern am Horizont

Man sieht es allenthalben in deutschen Texten – in Stellenanzeigen, Parteiprogrammen, auf Webseiten: das Gendersternchen. Doch was hat es damit auf sich? Wer sollte es benutzen und warum? Und kann man ein * sprechen?

In einem Gespräch mit einer Freundin konstatierten wir jüngst: Wir leben in aufregenden, umwälzenden Zeiten. Allein im letzten Jahr hat sich im öffentlichen Diskurs so viel getan. Greta Thunberg hat dafür gesorgt, dass Klimaschutz nicht mehr nur special interest ist. Öffentlich geäußerte Meinungen sind vielfältiger als je zuvor. Vormals kleine Themen sind Mainstream geworden und langsam finden wir durch all diese kontroversen Auseinandersetzungen wieder in eine neue Debattenkultur.

Auch die Sichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache hat einen kleinen Aufschwung erfahren. Was vormals als übertrieben penibel galt, ist nun für einige bereits selbstverständlich. Doch wie beziehen wir uns sprachlich richtig auf Männer, Frauen, Menschen?

Nun, zunächst sollten wir uns überlegen, welche Menschen in der eigenen Sprache vorkommen sollen und welche Unterscheidungen wir treffen möchten. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf einem geschlechtlich binären (weiblich/männlich) System aufgebaut ist. Inzwischen wissen aber viele von uns bereits, dass es auch Menschen gibt, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen wollen. Seit Dezember 2018 dürfen sich diese Menschen in Deutschland in ihrem Personalausweis als „divers“ (d) bezeichnen. In vielen Stellenausschreibungen findet man daher hinter dem Jobtitel die Spezifizierung „(m/w/d)“. Betrachtet man diverse Menschen als eine Minderheit, die man nicht gesondert sichtbar machen möchte, so kann man weiter beim binären System bleiben.

Will man jedoch sprachlich so inklusiv wie möglich sein, so ist das Gendersternchen eine zwar heiß umstrittene, aber gängige Variante. Z. B. schreibt man dann „Leser*innen“ und meint damit alle im betreffenden Kontext lesenden Menschen, auch diejenigen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten. Ich benutze das Gendersternchen in E-Mails etc. sehr gerne, weil ich finde, dass es wie eine schöne Schneeflocke die Einzigartigkeit jedes Menschen und gleichzeitig unsere gesellschaftliche Vielfalt symbolisiert und dass es nicht schaden kann, alle Menschen einzubeziehen.

In bestimmten Kontexten wie Klima- und Nachhaltigkeitsthemen ist das Sternchen mittlerweile Gang und Gäbe. Als ich neulich auf dem Unterstützerinnentreffen für die Allianz für Entwicklung und Klima dolmetschte, sprach ich sogar das Gendersternchen, weil ich mir sicher war, dass das Publikum dort daran gewöhnt war. Das Gendersternchen spricht man, indem man vor dem Sternchen eine kleine Sprechpause macht (also „Leser-innen“; mehr dazu findet Ihr hier).

Eine weitere Möglichkeit, alle Menschen einzuschließen, wäre eine neutrale Substantivform wie „Lesende“. So etwas mag oftmals noch konstruiert klingen, aber im akademischen Kontext hat sich das seit Jahren übliche „Studierende“ bereits so etabliert, dass es einem nun schon ganz normal vorkommt. Beispielsweise wurde sogar das „Studentenwerk“ in „Studierendenwerk“ umbenannt.

Eine Freundin, deren Ehemann Lehrer an einem Gymnasium ist, berichtet, dass dort die Form „Schülerinnen und Schüler“ (im Schriftlichen abgekürzt SuS) wie selbstverständlich von allen verwendet wird.

Was ich in meinen Blogtexten mache, ist zu versuchen, weibliche und männliche Formen möglichst organisch abzuwechseln, damit der Lesefluss ungestört bleibt. Andere gehen noch weiter und verwenden ausschließlich die weibliche Form. In diesem Fall sind Männer eben „mitgemeint“, so wie Frauen es jahrzehntelang auch waren.

Im Englischen gibt es übrigens seit geraumer Zeit die Tendenz, weibliche Substantivformen zu vermeiden. Beispielsweise bezeichnen auch feministisch geprägte Schauspielerinnen sich selbst oft als actor, obwohl es die feminine Form actress durchaus gibt. Dahinter steckt die Auffassung, dass man Frauen dadurch empowert, sie nicht als Sonderfall herauszustellen. (Hier ein spannender Artikel zum Thema aus dem Guardian.) Derselbe Ansatz war in der DDR üblich, wo Frauen stets mit der maskulinen Form ihrer Berufsbezeichnung auf sich selbst Bezug nahmen („Ich bin Ingenieur“).

Ganz schön verwirrend – und ein Patentrezept gibt es nicht. Auch viele andere, kreative Lösungen sind möglich. Fakt ist, Sprache schafft Realitäten. Viele Untersuchungen zeigen, dass der Sprachgebrauch durch den sogenannten Priming-Effekt beeinflusst, was wir für möglich, für realistisch, für normal halten. Und wir alle gestalten diese Konzepte mit. Überlegt Euch also, in welcher Welt Ihr leben wollt und fangt an, sie zu sprechen!

Der Pommes-Buddha sagt: Mann, Frau – wer weiß es schon genau?

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Musical hat-trick

0103 Musical Hat-trick

Hat-trick (noun): three points, goals, etc. scored by the same player in a particular match or game; three successes achieved by one person (‘to score a hat-trick’). Word origin: late 19th cent.: originally referring to the club presentation of a new hat (or some equivalent) to a bowler who took three wickets successively in cricket. (Oxford Advanced Learner’s Dictionary, https://www.oxfordlearnersdictionaries.com/definition/english/hat-trick?q=hattrick, retrieved on 4 Oct 2019) Read on to learn more about the hat-trick I’m referring to.

This summer, my English-come-German husband and I had the opportunity to indulge in one of our favourite pastimes – le cinéma. As it so happened, we ended up seeing three films each of which was both a little gem of British culture and a gripping tribute to pop music. Check them out – they all come highly recommended by both of us.

Yesterday
Imagine the world, pop culture and language without the influence of The Beatles. This film takes you on an experimental journey and invites you to explore alleys off the beaten track of what we all take for granted. While watching I thought, It’s like listening to The Beatles’ music for the first time all over again. A unique experience. Ed Sheeran plays an amusing guest role with an even more amusing entourage. My favourite is his no-nonsense manager Debra, drop-dead adorably played by Kate McKinnon. The love story is somewhat soppy but ingeniously counterbalanced by the dry humour of characters such as Debra or scenes such as The Marketing Meeting of Meetings (‘You can’t call it The White Album, man!’). The film is entertaining and really enjoyable overall.

Rocketman
A visually stunning, poetic and sensitive portrait of rock legend Elton John. Makes it easy to appreciate his profound artistic talent even for people who might not relate all that much to the style of his music at first sight. Taron Egerton is a staggering delight to watch because he knows neither fear nor vanity. His interpretation of Elton John’s music gives it an entirely new, scintillating twist. Then there is also the intimate tale of little Reginald Dwight, a fragile, sensitive boy craving paternal affection. His story is told with compassion, while remaining unspoiled of excessive sentiment. The overall mise en scène is witty, imaginative and psychologically powerful, with the refreshing cinematography taking the storytelling to another, almost fairy-tale-like level. A feathered cushion for the heart and the soul and my favourite out of the three!

Blinded by the Light
Immerse yourself into teenage British suburban life of the 1980ies. This film is great fun, with Routemasterloads of references to the sociopolitical upheavals of the Thatcher era. My favourite quote is from a left-wing political activist, who describes her parents as ‘no-society Tory traitors’. A great complement to this is Tim Lott’s novel Rumours of a Hurricane – highly recommended. The film, which is based on a true story, features the music of US-American old hand Bruce Springsteen, which you don’t need to dig to like the film – because what the film is really about is becoming our own person. It is funny and sad, and ultimately uplifting.

Read here why you should watch these films in the original version.

The Pommes Buddha says: You can teach an old hat new tricks.

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Wind of Change

Wind of Change

Neulich war ich auf einer 90er-Party eingeladen. Ja, so weit ist es schon! Die 90er sind mittlerweile nostalgiefähig und scheinen doch immer noch gar nicht soooo lange her. Als wir Eltern, die laut unseren Kindern an diesem Abend „sehr jugendlich“ aussahen, auf einen Genre-Reigen von Insomnia über Teenage Dirtbag bis hin zu Wannabe „abtanzten“, wie man das in den 90ern nannte, waren wir wieder mitten in unserer Schulzeit. Sogar die alten Dance-Moves kamen uns wieder. Und hier der Pommesbuddheske Gedanke: Musik verbindet über Ländergrenzen hinweg, oder? Was wissen die Britinnen von „unseren 90ern“? Und was hat dies mit dem heutigen Tag der Deutschen Einheit zu tun?

Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es einer weiteren Anekdote. Also, holt Euch ein Heißgetränk, zieht die Schuhe aus und macht es Euch auf der Couch bequem: “When I was a lad”, wie die Schwester meines amerikanischen Austauschpartners immer zu sagen pflegte, wenn sie weit ausholte – nein, so weit zurück geht es dann doch nicht. Es war an einem Mittwoch im Juli. Ich hörte vormittags BBC Radio 4 und stolperte dabei über die Sendung “Soul Music”, in der es an diesem Tag doch tatsächlich um die Hymne der deutschen Wiedervereinigung Wind of Change von den Scorpions ging. Ich war überrascht darüber, dass diese Rockballade tatsächlich auch in UK bekannt war und immer noch ist. (Hier kann man sehen, dass zumindest die Re-Release-Single im Herbst 1991 immerhin Platz 2 der UK Charts erreichte und 9 Wochen in den Charts blieb: https://www.officialcharts.com/search/singles/wind-of-change/.)

Das Beeindruckendste an der Sendung waren jedoch die sehr persönlichen Berichte von Zeitzeugen, die zum Teil unglaublich bewegende Geschichten der Flucht schildern. Besonders berührt hat mich das, weil meine Großeltern mütterlicherseits ebenfalls aus der damaligen DDR geflohen sind und sich in Westdeutschland ein neues Leben aufbauen mussten.

Eine Demokratie sei die Deutsche Demokratische Republik nie gewesen, berichtet einer der deutschen Zeitzeugen auf Englisch. Nur dem Namen nach. Und das Wichtigste, was wir heute hätten, seien Frieden und die Freiheit, die politische Partei zu wählen, die einem gefalle.

Für meine Familie mündeten damals viele kleine und größere Ereignisse in der letztendlichen Entscheidung, die Wohnung mit allen Möbeln zurückzulassen, keinem der Freunde oder Bekannten etwas zu erzählen, und Hals über Kopf abzuhauen. Nachhaltig in mein Gedächtnis gebrannt hat sich beispielsweise die Anekdote meiner Mutter, die es zutiefst verabscheute, im Kindergarten jeden Morgen „Händchen falten, Köpfchen senken und eine Minute an Stalin denken“ zu müssen. Sie überzeugte meine Großmutter, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu müssen, und zwar mit den Worten: „Wenn ich da noch mal hinmuss, erzähle ich denen, dass ihr RIAS hört!“

Wie sich doch tatsächlich und zu aller unser großem Glück die Zeiten geändert haben. Sorgen wir dafür, dass dies auch so bleibt!

Der Pommes-Buddha sagt: Mir hän dodursch su vell jewunne.

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