Wind of Change

Wind of Change

Neulich war ich auf einer 90er-Party eingeladen. Ja, so weit ist es schon! Die 90er sind mittlerweile nostalgiefähig und scheinen doch immer noch gar nicht soooo lange her. Als wir Eltern, die laut unseren Kindern an diesem Abend „sehr jugendlich“ aussahen, auf einen Genre-Reigen von Insomnia über Teenage Dirtbag bis hin zu Wannabe „abtanzten“, wie man das in den 90ern nannte, waren wir wieder mitten in unserer Schulzeit. Sogar die alten Dance-Moves kamen uns wieder. Und hier der Pommesbuddheske Gedanke: Musik verbindet über Ländergrenzen hinweg, oder? Was wissen die Britinnen von „unseren 90ern“? Und was hat dies mit dem heutigen Tag der Deutschen Einheit zu tun?

Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es einer weiteren Anekdote. Also, holt Euch ein Heißgetränk, zieht die Schuhe aus und macht es Euch auf der Couch bequem: “When I was a lad”, wie die Schwester meines amerikanischen Austauschpartners immer zu sagen pflegte, wenn sie weit ausholte – nein, so weit zurück geht es dann doch nicht. Es war an einem Mittwoch im Juli. Ich hörte vormittags BBC Radio 4 und stolperte dabei über die Sendung “Soul Music”, in der es an diesem Tag doch tatsächlich um die Hymne der deutschen Wiedervereinigung Wind of Change von den Scorpions ging. Ich war überrascht darüber, dass diese Rockballade tatsächlich auch in UK bekannt war und immer noch ist. (Hier kann man sehen, dass zumindest die Re-Release-Single im Herbst 1991 immerhin Platz 2 der UK Charts erreichte und 9 Wochen in den Charts blieb: https://www.officialcharts.com/search/singles/wind-of-change/.)

Das Beeindruckendste an der Sendung waren jedoch die sehr persönlichen Berichte von Zeitzeugen, die zum Teil unglaublich bewegende Geschichten der Flucht schildern. Besonders berührt hat mich das, weil meine Großeltern mütterlicherseits ebenfalls aus der damaligen DDR geflohen sind und sich in Westdeutschland ein neues Leben aufbauen mussten.

Eine Demokratie sei die Deutsche Demokratische Republik nie gewesen, berichtet einer der deutschen Zeitzeugen auf Englisch. Nur dem Namen nach. Und das Wichtigste, was wir heute hätten, seien Frieden und die Freiheit, die politische Partei zu wählen, die einem gefalle.

Für meine Familie mündeten damals viele kleine und größere Ereignisse in der letztendlichen Entscheidung, die Wohnung mit allen Möbeln zurückzulassen, keinem der Freunde oder Bekannten etwas zu erzählen, und Hals über Kopf abzuhauen. Nachhaltig in mein Gedächtnis gebrannt hat sich beispielsweise die Anekdote meiner Mutter, die es zutiefst verabscheute, im Kindergarten jeden Morgen „Händchen falten, Köpfchen senken und eine Minute an Stalin denken“ zu müssen. Sie überzeugte meine Großmutter, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu müssen, und zwar mit den Worten: „Wenn ich da noch mal hinmuss, erzähle ich denen, dass ihr RIAS hört!“

Wie sich doch tatsächlich und zu aller unser großem Glück die Zeiten geändert haben. Sorgen wir dafür, dass dies auch so bleibt!

Der Pommes-Buddha sagt: Mir hän dodursch su vell jewunne.

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Radiokult

Vintage red radio receiver on wood table. Wallpaper 3d

Wann immer ich in England die Familie besuche, stelle ich fest, dass dort zu Hause permanent das Radio läuft. Ich habe den Eindruck, die Briten sind besessen vom Radiohören. Aber ist da wirklich was dran? Drei Thesen zum deutschen und englischen Radiokonsum.

These 1: Die Briten hören mehr Radio als die Deutschen.

Stimmt nicht. Die Zahlen verblüfften mich. Wie man auf der Webseite der Radiozentrale verfolgen kann, hören seit Jahren konstant gut drei Viertel aller Deutschen im Alter über 10 Jahre täglich Radio, und zwar im Durchschnitt 189 Minuten pro Kopf.

Die entsprechenden von der britischen RAJAR erhobenen Daten sind zwar nicht direkt vergleichbar, da hier nach Radiohören pro Woche gefragt wird (90 % der über 15-Jährigen). Die durchschnittliche Hördauer beträgt jedoch derzeit in UK rund 21 Stunden pro Woche, liegt also mit etwa 3 Stunden täglich sogar knapp unter dem deutschen Durchschnitt.

These 2: Das britische Radioprogramm ist abwechslungsreicher als das deutsche.

Nun, hierzu gibt es selbstredend keine belastbaren Daten. Schaltet man jedoch die großen regionalen Sender wie SWR 3 und WDR 2 ein, so drängt sich der Eindruck auf, dass die deutsche Radiolandschaft sich nicht gerade durch Abwechslung auszeichnet. Gespielt wird, so scheint es, jeden Morgen dasselbe Musikprogramm: gefühlt vier oder fünf Hits aus den Charts, die sich nachgerade stündlich wiederholen, und ansonsten nur The Pet Shop Boys und Dido.

Einst war ich großer Jazzradio-Berlin-Fan. Während ich beim Einzug meine Altbauwohnung in Tiergarten strich, divertierte mich der Sender den ganzen Tag. Ich war begeistert von einem wilden Ritt durch Stile und Epochen. Doch selbst Jazzradio Berlin spielt mittlerweile vorwiegend Hammond-Orgel-Easy-Listening.

Nach einer bisher vergeblichen Suche nach einem Sender, der gute Musik mit interessanten Wortbeiträgen abwechselt und ansprechend präsentiert, habe ich also resigniert und höre hauptsächlich Radio aus England. Hier gibt es mehr Auswahl. BBC Radio 2 wartet zum Beispiel mit einer nette solchen Mischung auf. BBC Radio 4 bietet kaum Musik, dafür aber niveauvolle Comedy-Sendungen (The Now Show), ein Radio-Äquivalent von FrauTV (Woman’s Hour) und Talksendungen mit verschiedensten Facetten (Desert Island Discs). Überdies werden viele BBC-Radiosendungen von bekannten Fernsehmoderatoren präsentiert. Man hat das Gefühl, die Radiolandschaft ist lebendiger als hier in Deutschland.

Die Frage ist, geben sich die Deutschen mangels Alternativen mit einem Mainstream-Berieselungsprogramm zufrieden oder hören sie so viel Radio, weil ihnen das Angebot tatsächlich gefällt?

Den Versuch einer Antwort liefert Ulrich Stock auf ZEIT ONLINE mit einem auch heute noch aktuell wirkenden Artikel aus dem Jahr 2007, der passend Rettet das Radio heißt. Dort wird man auch mit neuen Ideen gefüttert, wo’s noch Gutes zu Hören gibt.

These 3: Radio-Hörspiele sind im Vereinigten Königreich beliebter als hierzulande.

Über Anteil und Beliebtheit von Radiospielen konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen. Mir scheint, dass sie im öffentlich-rechtlichen britischen Radioprogramm einen hohen Stellenwert haben. Die Hörspielserie The Archers beispielsweise läuft auf BBC Radio 4 seit 1950, mit aktuell unglaublichen mehr als 17.500 Folgen. In Deutschland hingegen findet man Radiospiele kaum.

Radio 4 ist übrigens für ein weiteres Phänomen bekannt: den Seewetterbericht (The Shipping Forecast). Dieser hat durch die repetitive Aneinanderreihung von Orten, die viele Hörer als meditativ bezeichnen, absoluten Kultstatus inne und ist aus der britischen Radiolandschaft nicht wegzudenken. (Mehr dazu auf Wikipedia.)

Nächste Woche sehen wir uns ein kleines Wörtchen näher an.

Der Pommes-Buddha sagt: Die Radiologie ist eine oft unterschätzte Wissenschaft.

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